Feedback der Vortragenden

  1. Birgit Weidel: Besuch am Goethegymnasium in Wien
  2. Tina Obermoser über ihrem Besuch im BORG Gastein

Birgit Weidel: Besuch am Goethegymnasium in Wien

Im Rahmen der "back to school"-Initiative besuchte ich meine ehemalige Schule, das Goethegymnasium in Wien, um mit Schülerinnen und Schülern zu EU-relevanten Themen zu diskutieren und ihnen einen Einblick in den Arbeitsalltag in einer EU-Institution zu gewähren. Die Veranstaltung fand in einem "sozialen Eck" der Bibliothek statt, was ein informelles, gemütliches und sehr kommunikatives Setting darstellte und den direkten Kontakt verstärkte. Wir hatten drei jeweils einstündige Sessions mit drei 6. Klassen organisiert; die Schülerinnen und Schüler waren zwischen 15 und 16 Jahre alt.

Jede Session startete mit einer kurzen Einleitung von Gerhard Warmuth, meinem ehemaligen Geschichte-Professor, gefolgt von einer kurzen Erklärung von meiner Seite, was ich nach dem Schulbesuch gemacht habe und wie ich in der Europäischen Kommission "gelandet" bin. Dies bot auch die Gelegenheit, kurz die drei wichtigsten EU-Institutionen und deren unterschiedliche Funktionen in Erinnerung zu rufen, um eine bessere, klarere Idee von "der EU" zu bekommen. Ich beschrieb meine aktuellen Aufgaben, beantwortete Fragen zu den Sprachen, die verwendet werden, und wie ein "normaler" Arbeitstag in der EU-Kommission aussieht.

Auf meine Frage hin meinten die meisten Schülerinnen und Schüler einhellig, dass sie sich in ihrem Alltag nicht von EU-Themen betroffen fühlten. Thema Nummer 1, das jede Klasse mit mir diskutieren wollte, war jedoch TTIP. Ich war beeindruckt vom Wissen der einzelnen Jugendlichen und von der Reife und Überlegtheit ihrer Fragen und Argumente zu diesem Thema. Die häufigsten Fragen drehten sich um den Mehrwert des Abkommens und um die Auswirkungen, die das Abkommen auf unser tägliches Leben haben könnte. Die Schülerinnen und Schüler betonten die besonders häufig in den österreichischen Medien und von NGOs hervorgebrachten negativen Aspekte (größerer Druck auf kleine Bauern, niedrigere Lebensmittel-, Gesundheits- und Umweltstandards usw.). In einem lebhaften Meinungsaustausch hatte ich die Gelegenheit, die Logik von Handelsabkommen generell zu erklären (Reduktion von Zöllen und nicht-tariflichen Handelsbeschränkungen, Marktzugang für europäische Unternehmen), den Verhandlungs- und Ratifizierungs-Ablauf darzulegen (wer verhandelt, Zustimmung durch EU-Parlament und Rat) und einen differenzierten Blick auf einige der wesentlichen Inhalte zu geben (mögliche Vorteile, zum Beispiel für europäische Maschinenbau- und andere –Industrien; Kosteneinsparungen, da doppelte Testläufe nicht mehr notwendig sind; Unterschiede in der EU und den USA in Bezug auf die Lebensmittelsicherheit – Beispiel "Chlorhuhn", wo nicht immer klar ist, wer tatsächlich die höheren Sicherheitsstandards hat …). Ich stellte zudem klar, dass beide Seiten, EU und USA, zahlreiche Anliegen vorgebracht hätten, welche die andere Seite inakzeptabel findet, etwa im Bereich der Lebensmittel.

Das zweithäufigste Thema bei den Diskussionsrunden mit den Schülerinnen und Schülern war die Flüchtlingskrise. Generell meinten die Jugendlichen, dass die EU bei der Implementierung eines fairen Verteilungsschlüssels versagt habe und einige EU-Staaten die Hauptlast zu tragen hätten, während andere säumig seien. Ich stellte klar, dass eine europäische Gesetzgebung zur Verteilung von Asylwerbenden unter den EU-Staaten noch nicht existiere, und erklärte die geltende "Dublin"-Regelung. Des Weiteren stellte ich klar, dass die EU-Kommission einen derartigen Verteilungsschlüssel vorgeschlagen habe, der aber die Zustimmung der nationalen Regierungen bräuchte und einige EU-Länder diesen Vorschlag blockierten. Die Schülerinnen und Schüler kritisierten, dass "die EU" nicht genügend Druck auf die säumigen Mitgliedstaaten ausübe. Sie meinten, dass "die EU" mehr politische Instrumente bekommen sollte, um Solidarität von allen EU-Mitgliedstaaten einzufordern. Man dürfe nicht nur von den Vorteilen der EU-Mitgliedschaft allein profitieren.

Wie in den letzten Jahren war es eine sehr positive Erfahrung. Obwohl das Verständnis und Wissen für die EU-Institutionen und den Entscheidungsprozess relativ niedrig sind und EU-bezogene Themen nicht das Hauptthema für diese Altersgruppe sind, waren die Jugendlichen interessiert und stellten proaktiv Fragen. Die Zeit war zu kurz, um alle Fragen beantworten zu können. Der Besuch war sicherlich eine gute Gelegenheit, den Unterricht der vorausgegangenen Wochen zu EU-Institutionen durch praktische Beispiele zu ergänzen. Die Schülerinnen und Schüler bekamen so ein klareres Bild von den tatsächlichen Entscheidungsprozessen. Mein Eindruckt ist, dass diese Initiative der österreichischen Bundesregierung – konkret des Bundeskanzleramts – von den jungen Leuten begrüßt wird. Es ist eine gute Möglichkeit, mit Bürgerinnen und Bürger in Kontakt zu treten.

Ein Bericht des Besuchs auf der Website der Schule

Englisches Original:

In the context of the "back to School" initiative, I visited my former secondary school, the "Göthegymnasium" in Vienna to discuss with pupils on EU related topics and to give them an insight into the daily work in a European institution. The event took place in the "social corner" of the library, which provides an informal comfortable and highly communicative setting facilitating direct contact. We held three 1 hour sessions with three classes in the 6th grade, i.e. 15 to 16 year old pupils.

Every session started with a brief introduction by Gerhard Warmuth, my former teacher in history, followed by a short explanation from my side what I did after finishing school and how I arrived at the EU Commission. This was also the opportunity to quickly recall the three main institutions and their respective roles in order to have a clearer idea of "the EU". I explained my current tasks and replied to questions on the languages that we use and how a routine day in the Commission looks like.

Answering to my question pupils almost unanimously stated that they do not feel concerned by EU issues in their daily lives. However, the number one topic that every class wanted to discuss with me was TTIP and I was impressed by the knowledge of certain individuals and the maturity of arguments and questions put forward. The most frequent question was on the added value of the agreement and the impacts that it would have on our daily lives. Pupils pointed to the many possible detriments (increasing pressure for small farmers, lower food, health and environmental standards etc) frequently cited in Austrian media and by NGOs. In an animated exchange of views I had the opportunity to explain the general logic of trade agreements (reduction of customs tariffs and non-tariff barriers, market access for EU enterprises), to clarify the negotiation and adoption/ratification process (who is negotiating, approval of EP and Council) and to provide a differentiated view on some of the substantial issues. (Potential benefits e.g for European engineering industry, cost savings that could be achieved by reducing double testing; differences in EU and US approaches to food safety; the examples of raw milk cheese and chlorinated chicken showing that it is not always so clear cut, who actually has the higher safety standard, ...). I also clarified that there are many requests put forward by both, the EU and the US, which the other Party will not be able to accept, in particular if there are fundamental differences in policy or approaches, like e.g. food.

The second most popular topic was the refugee crisis. There was a general view that the EU has failed to implement a fair mechanism of distribution of refugees and that a few European countries have to carry the burden, while others are "dragging their feet". I clarified that a European legislation for the distribution of asylum seekers amongst EU Member States does not yet exist and explained the current Dublin regulation; that the Commission has suggested such a mechanism but like any EU law it needs to be approved by the national governments and some countries are blocking such a solution. Pupils criticised that "the EU" does not exercise sufficient pressure on the reluctant Member States; "the EU" should have stronger political means to require solidarity from all its Member States; they cannot just benefit from the advantages of EU membership.

As in the last years the visit was a very positive experience. Despite the fact that the understanding of the EU institutions and the decision making process is relatively low and EU related topics are not a major concern for this age group, pupils were quite responsive and proactively put forward questions. Time was too short to answer all the questions. The event was certainly a good opportunity to complement what they have learned about the work of the EU institutions by some practical examples, providing them with a clearer idea how this translates into real life policy making. My impression is that this initiative by the Austrian government (Federal Chancellery) is very much welcome by young people; it is a good way to reach citizens.

A report on the event on the website of the school (in German)

Tina Obermoser über ihrem Besuch im BORG Gastein

In der letzten Schulwoche am Montag, den 4. Juli 2016, absolvierten die Schülerinnen und Schüler der 6. Klassen einen zweistündigen Workshop rund um das Thema Europa.

Seit 2009, dem Start der vom Bundeskanzleramt ins Leben gerufenen Aktion, nahmen 350 österreichische EU-Bedienstete an "Back to School/Europa an deiner Schule" teil.

Den Schülerinnen und Schülern war jedoch nicht bewusst, was sie erwarten würde. Zu weit weg sei es, dieses Europa. Genau diese Distanz zu überbrücken, Europa zu erleben, Europa ein Gesicht zu geben und es menschlicher zu machen, die als kompliziert geltenden Vertragswerke hinunter zu brechen und zu sehen, dass Europa in unserem Alltag immer und überall präsent ist, waren die Hauptziele von Tina Obermoser, Workshop-Leiterin.

Ursprünglich aus Bischofshofen stammend, lebt Tina Obermoser seit 2010 mit ihrer Familie in Brüssel. Sie arbeitet seit 2011 an der Ständigen Vertretung Österreichs bei der EU und begrüßt in ihrer Aufgabe als Programmkoordinatorin jährlich 4000 bis 4500 Besucherinnen und Besucher aus Österreich. Obermoser ist überzeugt, dass – wenn einmal die Zusammenhänge erklärt sind – bei jungen Menschen ein großes Interesse gegenüber der Europäischen Union bestünde.

Dies zeigte sich auch in ihrem Workshop: "Mehr informiert werden, mitreden können, besser Bescheid wissen", das wünschten sich die Jugendlichen zu Beginn. Die weit verbreitete Meinung, dass Österreich in Brüssel nicht vertreten sei, wurde entkräftet, indem die Zusammenhänge der Achse Wien-Brüssel erläutert wurden und man darauf hinwies, dass keine einzige Entscheidung auf europäischer Eben falle, bei der Österreich nicht involviert sei. Dass es einen Unterschied gibt zwischen der Österreichischen Botschaft in Belgien und der Ständigen Vertretung Österreichs bei der Europäischen Union, war vielen nicht bekannt.

In einer Aufstellung der chronologischen Abfolge der Meilensteine der Geschichte der Europäischen Union erfuhren die Schülerinnen und Schülern, wie weit zurück die Geschichte der EU reicht und welche Krisen und Hindernisse die EU schon überwunden hat.

Fragen, die thematisiert wurden, waren unter anderem:

  • Warum gibt es die Europäische Union?
  • Wer oder was ist die EU überhaupt?
  • Wer hat entschieden, wenn es heißt Brüssel hat entschieden?
  • Wie ist Österreich vertreten? Wie kann ich mitbestimmen?
  • Was bringt mir Europa und wo spüre ich die EU im Alltag?

Das Referendum über den "Brexit" war das brennendste und spannendste Thema für die Schülerinnen und Schüler. Einige planen einen Studien- oder Auslandsaufenthalt im Vereinigten Königreich. Änderungen für EU-Bürgerinnen und -Bürger sind jedoch erst bei einem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union zu spüren. Bis zum wirklichen Austritt ist und bleibt Großbritannien ein vollwertiges Mitglied in der Gemeinschaft mit allen Rechten und Pflichten.

Highlight des Workshops war die Möglichkeit, im Rahmen einer Simulation einer Ratsarbeitsgruppe, Diplomatin, Diplomat zu spielen. Den Schülerinnen und Schülern wurde je ein EU-Mitgliedsland zugelost. Sie mussten im Laufe der Verhandlung jene Position, die von der jeweiligen nationalen Regierung als Weisung an die entsendenden Diplomatinnen und Diplomaten geschickt wird, vertreten und bestmöglich durchsetzen. Sofort stellte sich heraus, dass dies bei 28 Mitgliedstaaten mit unterschiedlichen Interessen, unterschiedlicher Geschichte und unterschiedlichen Kulturen und Traditionen keine leichte Sache ist. Diese Erfahrung verstärkte das Verständnis für die schwierige Entscheidungsfindung auf europäischer Ebene. Ein weiterer Erkenntniszugewinn war, dass die Politik nicht in Brüssel, sondern in den Hauptstädten der Mitgliedsländer gemacht wird.

Besonders freuten die Rückmeldungen nach dem Workshop: dass die Schülerinnen nun mehr Bescheid wüssten, was ihnen Europa persönlich bringe; dass ein Auslandsaufenthalt, im Ausland zu studieren, zu arbeiten, das Wegfallen der Grenzkontrollen und der Roaming-Gebühren, europaweite Krankenversicherung, zollfrei im Internet einzukaufen und die Kennzeichnung von Lebensmitteln selbstverständlich seien und von allen Mitgliedstaaten auf europäischer Ebene geregelt und umgesetzt werden müssen. Auch, dass jeder Europäer und jede Europäerin mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU 2012 Friedensnobelpreisträger bzw. Friedensnobelpreisträgerin ist, war neu.

Herzlichen Dank den Schülerinnen und Schülern der 6. Klassen für die engagierte Mitarbeit und Teilnahme. Herzlichen Dank an Kerstin Rettenbacher für die Organisation.

Weiterführende Informationen und Links

Ständige Vertretung Österreich bei der Europäischen Union
Europedirect-Informationsstellen in Österreich
Aktion Back to School
Österreichische Gesellschaft für Europapolitik
Haus der Europäischen Union in Wien