Milch – Ein Produkt sucht seinen Preis
Erstellt am: 24. Juni 2009
Bundespressedienst/imb
Die Milchquotenregelung der EU hat als stabilisierendes Mittel des Milchpreises versagt. Das ist in den vergangenen Monaten klar geworden: Der Milchpreis ist dermaßen gesunken, dass viele Milchbauern um ihre Existenz fürchten müssen. Proteste in vielen europäischen Städten und zuletzt Tumulte in Brüssel waren die Folge. Nun hat die EU reagiert: 27 Staats- und Regierungsspitzen beschließen beim EU-Gipfel im Juni eine gründliche Untersuchung des Milchmarktes. Das Ziel ist eine nachhaltige Stabilisierung des Marktes und des Preises. Innerhalb der nächsten zwei Monate soll die EU-Kommission einen entsprechenden Bericht vorlegen.
Schlüsselsegment Milchwirtschaft
Der Verein österreichischer Grünland- und Rinderbauern, IG Milch, hat berechnet, dass ein Milchbauer 47 Cent je Kilogramm Milch einnehmen sollte, um rentabel zu wirtschaften. Die Realität sieht aber anders aus. An einem Milchpackerl verdient der Bauer im Schnitt gerade mal 25 Cent. Und das ist für viele Betriebe zum Überleben zu wenig.
Verschärft wird die Situation auch durch den Einsatz von künstlichem Käse, sogenanntem Analogkäse, der ohne Milch produziert wird und sehr oft als Schmelzkäse auf der Pizza landet.
Milch und Milchprodukte nehmen innerhalb der Landwirtschaft eine zentrale Rolle ein. Stellen sie doch mit durchschnittlich 14 Prozent in der EU den größten Teilbereich landwirtschaftlicher Produktion dar.
Milchseen und Butterberge waren ab den 70er Jahren die Folge einer erfolgreichen Wiederherstellung des landwirtschaftlichen Sektors nach der Mangelwirtschaft der Nachkriegszeit. Die Überproduktion führte dazu, dass Interventionen in Form von Stützungen und Subventionierungen notwendig wurden, um den Milchpreis zu halten und so das Überleben der milcherzeugenden Betriebe zu gewährleisten.
Milchquoten – falsch eingeschätzt, stets überliefert
1984 kam es mit der Milchquotenregelung EU-weit zu einer Vereinheitlichung der preisstabilisierenden Maßnahmen. Das System schreibt auf Basis nationaler Fördermengen Quoten für die maximale Lieferung von Milch vor. Diese werden wiederum auf Regionen und Milcherzeuger verteilt. Betriebe, die mehr liefern, als die Quote erlaubt, müssen eine Superabgabe, also eine Strafzahlung, leisten. Dadurch wird eine höhere Lieferung praktisch unrentabel.
Die Milchquote wurde jedoch kein einziges Mal seit ihres Bestehens eingehalten. Es kam immer zu Überlieferungen, wie das im Fachjargon heißt. Darüber hinaus ist die aktuelle Milchquote, in Österreich sind es 2008/2009 2.847.478,47 Kilogramm, zu hoch angesetzt, um durch Angebot und Nachfrage für einen gerechten Preis zu sorgen. Nationale Preisinterventionen sind durch EU-Regelung stark eingeschränkt. Wie bei Emissionsquoten gibt es auch bei Milchquoten einen regen Handel. Dieser ist zwar seit 2004 nur im Rahmen von limitierten Übertragungen möglich, führt aber dennoch zu einem Ungleichgewicht zwischen großen und kleinen Betrieben.
Die Fehleinschätzung der Milchquote ist nicht zuletzt auf eine übertriebene Prognose der Milchexporte zurückzuführen. Vor allem China galt als Hoffnungsmarkt. Doch der anfängliche Durst nach Milch wurde durch den Milch-Skandal in China im Vorjahr eingedämmt. Hier wurden Milchprodukte mit der giftigen Substanz Melamin gestreckt. Es wurde auch übersehen, dass Asiaten Milch nicht in den Mengen vertragen wie Europäer. Die Verträglichkeit des Milchzuckers (Laktose) ist vor allem Mittel- und Nordeuropäern zu Eigen, deren Tradition der Milchwirtschaft bis in die Jungsteinzeit zurückreicht.
Um die Export-Preise von Butter und Magermilchpulver zu stützen, machte EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel zuletzt 1,5 Milliarden Euro locker. Derartige Interventionen hätte eine funktionierende Quotenpolitik freilich nicht notwendig gehabt.
Freiwillig mehr zahlen
Ende April rollten Traktoren mit lebensgroßen rotweißroten Kuh-Attrappen über die Wiener Ringstraße. Mit Aktionen wie dieser will IG-Milch auf die prekäre Situation der Milchbauern aufmerksam machen.
Was für die einen ein gerechtfertigtes Anliegen ist, wird von Kritikern als reine Public Relation-Aktion für das eigene Milch-Label "A faire Milch" angesehen. Der Preis für einen Liter "faire Milch" garantiert dem produzierenden Landwirt zehn Cent mehr Ertrag. Dieser Betrag wird einfach auf dem Endverkaufspreis aufgeschlagen. Somit entscheidet die Konsumierende Bevölkerung, ob sie bereit ist, mehr zu zahlen. Man kann auch sagen, die Konsumentin, beziehungsweise der Konsument, trägt zu hundert Prozent die Last für einen gerechten Preis, Molkerei und Handel werden nicht in die Pflicht genommen.
Landwirtschaftliche Produkte stehen unter Druck
Die negative Preis-Entwicklung betrifft jedoch nicht nur die Milchwirtschaft. In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verdiente ein Bauer noch rund 50 Prozent des Einzelhandelspreises seiner Erzeugnisse. Heute sind es je nach Produkt kaum noch 20 Prozent oft sogar unter zehn Prozent. Große Supermarktketten üben einen gewaltigen Preisdruck aus. Oft werden zu Lasten der Erzeuger bestimmte Waren unter ihrem tatsächlichen Wert verkauft, um Konsumentinnen und Konsumenten in die großen Verkaufstempel zu locken. Dabei haben vor allem kleine landwirtschaftliche Betriebe das Nachsehen.
Dagegen soll nun in der EU vorgegangen werden. In einem Bericht des Landwirtschaftsausschusses hat das EU-Parlament die Kommission nun aufgefordert, Maßnahmen zu ergreifen, um Spekulationen mit Nahrungsmittel einzudämmen, für Preistransparenz zu sorgen und den Direktvertrieb zu fördern.
Es sind also viele Maßnahmen nötig, um für das zu sorgen, was angeblich ganz von alleine hätte passieren sollen: faire Preise für landwirtschaftliche Produkte.