Klimawandel - Jeder Beitrag zählt

"Müssen wir alle zurück in die Rauchkuchl, ab sofort auf sämtliche Fernreisen mit dem Flugzeug verzichten und unsere Handys ausgeschaltet lassen?" Diese und andere Fragen stellten sich 42 Lehrerinnen und Lehrer, 35 Schülerinnen und Schüler sowie 2 Eltern bei der Konferenz "Klimawandel – Jeder Beitrag zählt" Anfang November 2010 in Innsbruck.

3.12.2010
Bundespressedienst/msc

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer betreten die große Aula in der Villa Blanka in Innsbruck. Die - sonst bei einer Konferenz üblichen - Sesselreihen fehlen, stattdessen warten elf große runde Tische für je acht Personen auf die Teilnehmenden, zu denen man bei der Registrierung fix zugeordnet wird. Nicht nur dieser Umstand irritiert. Auch die Tatsache, dass fast die Hälfte der Teilnehmenden bei dieser Lehrkräftekonferenz Schülerinnen und Schüler sind.

Die Teilnehmenden an der Tagung wurden an große Tische für je 8 Personen gesetzt.

Die bunt zusammengewürfelten Teilnehmenden bei der Arbeit. (© Alfred Faustenhammer)

Sie alle machen sich Gedanken über den "Klimawandel", den massiven Ausstoß von Kohlendioxid, Methan und anderen Gasen, die in unserer Atmosphäre hängen bleiben und so die Abstrahlung der Wärme in das Weltall verhindern. Die Folge ist eine Erwärmung der Erdtemperatur mit den teilweise katastrophalen Konsequenzen (Ausdehnung der Wüsten, Anstieg des Meeresspiegels, Wetterkapriolen, etc.). Aber wie sollen Einzelne zur notwendigen massivem Reduktion der Treibhausgase beitragen, wenn sich die Staatengemeinschaft fast ein Jahr zuvor bei der großen UN-Klimaschutzkonferenz in Kopenhagen auf keine wirkungsvollen Maßnahmen einigen konnte und auch die Chancen bei der Nachfolgekonferenz in Cancun/Mexiko nicht besser sind?

Ein Flipchart-Papier mit den Ergebnissen der persönlichen Berechnungen des ökologischen Fußabdruckes

Der aktuelle Fußabdruck der Teilnehmenden in ha. (© Alfred Faustenhammer)

Um diese Frage zu beantworten, steht zu Beginn der persönliche Energieverbrauch der Teilnehmenden, der eigene ökologische Fußabdruck, im Zentrum der Aufmerksamkeit. 3,8 Hektar beträgt der erhobene Durchschnittsverbrauch der rund 80 Teilnehmenden. Damit verbrauchen sie zwar fast einen Hektar weniger als Frau und Herr Österreicher, aber mehr als doppelt soviel, wie auf der Erde eigentlich zur Verfügung steht, wenn man die Ressourcen gerecht auf alle Menschen verteilen würde. Der spätere Konferenzverlauf wird zeigen, dass aber auch bei dieser Konferenz die Bereitschaft zur Veränderung des Lebensstils und somit die Senkung seines eigenen Energieverbrauchs beschränkt ist. Gerade einmal 15 Prozent der Teilnehmenden können sich auf Nachfrage eine Reduktion ihres aktuellen persönlichen Bedarfs um 20 Prozent in den kommenden Jahren vorstellen. Wie soll die Rettung des Weltklimas also funktionieren, wenn niemand bereit ist, einen Beitrag zu leisten? Die Staaten ebenso wenig wie die Einzelnen.

Nach der Ermittlung der persönlichen ökologischen Fußabdrücke, sind drei Experten mit Impulsreferaten an der Reihe, die Anregungen für den nächsten interaktiven Teil der Konferenz geben sollen.

Jürgen Gmelch von der Vertretung der Europäischen Kommission erläutert die EU-Strategie 20:20:20 (20 Prozent weniger Treibhausgase, 20 Prozent aus erneuerbaren Energien, 20 Prozent Energieeffizienz bis 2020) im Bereich Klimawandel und erzählt, zu welchen Zielen sich Österreich in den kommenden zehn Jahren verpflichtet hat (21 Prozent weniger Treibhausgase für die Sektoren im Emissionshandelssystem, 16 Prozent weniger Treibhausgase für jene Sektoren, die nicht dem Emissionshandel unterliegen, 34 Prozent erneuerbare Energie, 20 Prozent mehr Energieeffizienz).

Als zweiter ist Horst Steinmüller vom Energieinstitut in Linz an der Reihe. Mit zahlreichen Tabellen und Vergleichen macht er deutlich, dass die Lösung nicht einfach ist. Denn China mag zwar in absoluten Zahlen Spitzenreiter beim Ausstoß von CO2 sein, umgelegt auf die Bevölkerung und den wirtschaftlichen Aufholbedarf, schaut die Lage schon wieder ganz anders aus. Auch in Österreich ist es nicht mit einer radikalen Senkung im privaten Verbrauch getan. Ein wesentlicher Baustein ist die Veränderung von gesamtgesellschaftlichen Strukturen. Der massive Ausbau von öffentlichen Verkehr, die Verkürzung von Transportwegen sämtlicher Güter des täglichen Bedarfs und somit der individuelle Verzicht auf die vielzitierten Erdbeeren zu Weihnachten, oder den Apfel aus Neuseeland sind notwendig.

Franz Rauch von der Universität Klagenfurt verknüpft diese Erkenntnisse mit der Frage, wie sie in der Schulklasse vermittelt werden können. Sein Plädoyer ist es, nicht nur Fakten zu vermitteln, sondern die Schülerinnen und Schüler in die Lage zu bringen, diese bewerten zu können und aufzuzeigen, dass oftmals zwei oder mehrere Interessen sich gegenseitig unauflöslich im Weg stehen. Das es also keinen Kompromiss, oder ein "entweder-oder" geben kann.

In elf Workshops (sogenannten "Denkräumen") werden diese inhaltlichen und didaktischen Zugänge am zweiten Tag vertieft.

Den Abschluss bilden drei Open Space-Einheiten (Erklärung zu Open Space am Ende dieser Seite), in denen 24 von den Teilnehmenden selbst gewählte Themen behandelt werden. Die Themenpalette reicht dabei von "Nachhaltiger Ernährung" über die Frage "Wie kann ich andere motivieren ihren Beitrag zu leisten?" bis "Wunschzettel an die Politik". Es sind aber wohl die kleinen Dinge, mit denen begonnen werden muss. Eine Arbeitsgruppe liefert auf die Frage "Was kann die Jugend (unter 18) konkret tun?" drei dicht beschriebene Flipcharts ab.

Flipchart-Papier mit den Angaben für ein persönliches Sparprogramm

Jeder Beitrag zählt - Energie sparen konkret (© Alfred Faustenhammer)

Anhand eines für Jugendliche typischen Tagesablaufs listet die Gruppe Möglichkeiten für die Senkung des Energieverbrauchs auf. Die Senkung der Raumtemperatur findet sich ebenso auf der Liste, wie Wasser beim Waschen sparen, eine Box statt Alufolie für die Jause verwenden, auf die Mülltrennung auch in der Klasse achten, sein eigenes Konsumverhalten hinterfragen ("Was brauch ich wirklich?"), oder die Standby Funktion bei Geräten ausschalten. Andere berichten von ihrer Schule (PORG Volders), die für jede Klasse ein Belohnungssystem für umweltbewusstes Handeln eingeführt hat. So ist jeweils die gesamte Klasse für die Sauberkeit ihres Klassenzimmers, für die ordnungsgemäße Mülltrennung und vieles mehr zuständig. Ab einer gewissen Anzahl an Pluspunkten bekommt die Klasse einen Tag schulfrei.

Das Gesamtergebnis nach drei Tagen kann sich sehen lassen. Die Ideen zur Bewältigung des Klimawandels sind also durchaus da – jede Einzelne, jeder Einzelne ist aber aufgerufen, zur Umsetzung beizutragen, und sei es ein noch so kleiner Beitrag im Alltagsleben!

"Ich kam zur Tagung wie die Jungfrau zum Kind. Nun bin ich aber sehr froh, dass ich das Kind bekommen habe", fasst eine Teilnehmerin, stellvertretend für alle die Stimmung zusammen.

Sämtliche Information rund um die Konferenz und die Detailergebnisse finden Sie auf den Seiten des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK)

Tagungsdokumentation:

Tagungsprogramm (PDF 37 kB)
Tagungsbericht (PDF 75 kB)
Referentinnen und Referenten (PDF 254 kB)
Vortrag Gmelch (PDF 1056 kB)
Vortrag Rauch (PDF 280 kB)
Vortrag Steinmüller (PDF 501 kB)
Fotoprotokoll der Veranstaltung (PDF 913 kB)

Factbox

Open Space ist eine 1985 entwickelte Methode vor allem für Großgruppen. Es gilt allein das "Gesetz der zwei Füße". Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer kann ein Thema vorschlagen und zur Diskussion stellen. Finden sich andere Interessierte zu den einzelnen Vorschlägen, entstehen Kleingruppen, die diese zeitlich begrenzt diskutieren und Lösungen für aufgeworfene Fragen entwickeln. Jede einzelne Person kann jederzeit die gewählte Gruppe verlassen und mit seinen zwei Füßen eine andere Gruppe aufsuchen. Bei alldem gilt das Prinzip "Was immer geschieht, ist das einzige, das geschehen kann." Die kreative Technik ermöglicht neue gedankliche Räume für Ideen und Lösungen, bietet ausreichend Zeit für intensiven Austausch und vertraut auf die Expertise und Lösungskompetenz der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.