Wachstum ist nicht gleich Wohlstand – Monatlicher Bericht zur Beschäftigungslage – Februar 2010

Das Wirtschaftswachstum hat die EU zwar bereits erreicht. Auf die Beschäftigungssituation und auf das Leben der Menschen zeigte dies jedoch noch keine Auswirkungen. Die Arbeitslosigkeit steigt in Europa weiterhin an – wenn auch immer langsamer. Erst ab 2011 rechnet die EU-Kommission mit einem leichten Abnehmen der Arbeitslosenrate.

18.02.2010
Bundespressedienst/imb

Im Dezember 2009 waren in der EU 23 Millionen arbeitsfähige Menschen ohne Erwerbsbeschäftigung, das entspricht einer Arbeitslosenquote von 9,6 Prozent und einem weiteren Anstieg gegenüber dem Vormonat um 0,1 Prozentpunkte. Salopp gesprochen ist die EU somit wieder in der Mitte der 1990er Jahre angelangt, und die positive Beschäftigungsentwicklung, die bis April 2008 angehalten hat, wieder revidiert worden. Die Jugendarbeitslosigkeit hat mit 21,4 Prozent im Dezember erneut ein Rekordniveau erreicht.

Dennoch sind nun mit Ausnahme von Spanien alle großen EU-Staaten aus der Rezession heraus. In Deutschland gab es im Jänner zum ersten Mal seit Beginn der Krise einen leichten Anstieg an offenen Arbeitsstellen. Auch die Restrukturierungsmaßnahmen im Jänner betreffen bei weitem nicht mehr so viele Menschen wie in den Monaten zuvor. Der Zuversichts-Barometer ESI (Economic Sentinent Indicator) nähert sich nach seinem Tiefststand im März 2009 mit 97,1 Punkten langsam aber sicher dem Langzeit-Durchschnittswert.

Gefahren der Zukunft

All diese Indikatoren lassen jedoch keine verlässliche Aussage über ein rasches Anspringen der Beschäftigungszahlen zu. Laut International Monetary Fund bleibt in den entwickelten Ländern das Wirtschaftswachstum weiterhin von staatlichen Förderungen abhängig. Diese belasten jedoch die Budgets und führen zu anwachsenden Staatsverschuldungen. Der Grat zwischen notwendiger Wirtschaftsbelebung und zu hohen Schulden ist ein denkbar schmaler.

Die zweite große Gefahr ist die des beschäftigungslosen Wachstums. Für die International Labour Organisation stellt sie eine der größten politischen Herausforderungen dar. Wachstum, das nicht zu einem qualitativen Beschäftigungsanstieg führt und die sozialen Rahmenbedingungen verbessert, ist de facto wertlos.

Auch wenn es für fast jede wirtschaftliche Komponente Indikatoren gibt, bleibt die EU zum Beispiel bei der Bewertung von Armut relativ ratlos. So gibt es praktisch keine verlässlichen Daten zu Einkommen und Lebensumstände in der Krisenzeit nach 2008. Klar ist, dass Arbeitslosigkeit in den 27 Mitgliedstaaten sehr unterschiedliche Auswirkungen hat. Im EU-Schnitt sind 17 Prozent der EU-Bevölkerung von Armut bedroht. Doch auch das sagt über die sozialen Verhältnisse wenig aus, da hier nur die niedrigen Einkommen mit den durchschnittlichen verglichen werden, ohne festzuhalten, wie sich diese Armut konkret auswirkt.

Mit neuen wirtschaftlichen Messindikatoren hat sich auch die internationale Konferenz Wachstum im Wandel in Wien beschäftigt. Neben der sozialen Komponente, also ob Wachstum auch Wohlstand bringt, kommen hier auch ökologische Faktoren ins Spiel etwa Ressourcenverbrauch und Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz oder ob Zufriedenheit und Lebensqualität rein an materiellen Gütern zu messen seien. Das mag zwar für manche Wirtschaftsexperten seltsam klingen und an König Jigme Singye Wangchuck belächelte Ankündigung erinnern, den Entwicklungsstatus seines Königreichs Bhutan am "Bruttonationalglück" zu messen. Dennoch sollte eine neu definierte Messlatte des Wachstums viele heute unbeachtete Faktoren in die richtige Relation bringen.

Glückliches Österreich

Der Beurteilung der EU-Kommission zufolge müssen sich die Österreicherinnen und Österreicher über ein sehr hohes Bruttonationalglück freuen. Österreich ist bislang mit der zweitniedrigsten Arbeitslosenquote vergleichsweise glimpflich durch die Krise gekommen. Von November zu Dezember ist hierzulande die Arbeitslosenzahl leicht zurückgegangen. Die Zahl der Stellenangebote ist im Jänner leicht angestiegen. Die Kommission sieht darin einen Erfolg der Maßnahmen, die die Österreichische Regierung 2009 gesetzt hat: Das Beschäftigungspaket mit Kurzzeitarbeit, flexiblen Lohnmodellen sowie mit besseren Ausbildungs- und Schulungsmaßnahmen habe demnach gegriffen.

Dennoch sind laut Europa-Barometer 43 Prozent der Bevölkerung Österreichs davon überzeugt, dass Arbeitslosigkeit das größte Problem in Österreich darstelle. Immerhin stieg die Arbeitslosenzahl seit Beginn der Krise um 50 Prozent an. Welche Auswirkungen das auf die 323.651 im Jänner arbeitslos gemeldeten Menschen hat – dafür gibt es bislang (noch) keine greifbaren Indikatoren.