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Sie haben Skype erfunden und wählen über das Internet. Die Esten haben sich zum Cyberland gemausert. Das alles mit einem Bildungsprogramm, das einzigartig in Europa ist.
In Estland erzählt man sich eine Geschichte. Das Jahr ist 1996, der Ort eine Bar in der Innenstadt der Haupstadt Tallinn. An einem Tisch in der Ecke im dämmrigen Licht sitzen die Toomas Hendrik Ilves und Jaak Aaviksoo. Der Erste ist in diesen Tagen der Botschafter des kleinen Landes in den USA, der andere der Bildungsminister. Sie reden über ihr Estland, eine kleine Nation, vor gerade einmal sechs Jahren aus der zusammenbrechenden Sowjetunion losgelöst. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, das Geld rar, die Aussichten trüb. Es braucht eine Idee.
Noch ein dritter Gast soll an diesem Abend, irgendwann im Frühjahr 1996 am Tisch gesessen sein. Einmal soll sein Name Johnny Walker gewesen sein. Einmal Jim Beam. Welches hochprozentige Getränk auch immer den beiden jungen estnischen Politikern auf die Sprünge half, das Ergebnis ist genauso Legende wie die Geschichte, aus der es entstanden sein soll. Es heißt Tiigrihüppe, der Tigersprung. Ein landesweites Bildungsprogramm, angelegt auf drei Jahre. Es ist so erfolgreich, dass es dreimal verlängert wird, heute noch in Kraft ist. Es sollte das Gesicht der kleinen Nation am nördlichen Zipfel des europäischen Festlandes fundamental verändern.
Tallinn im Jahr 2011, es ist schon kalt geworden und die Tage werden immer kürzer. Durch die verwinkelten Gassen der mittelalterlichen Innenstadt flanieren die Touristen. Es riecht nach Lebkuchen und Honig. In den Kaffeehäusern klappern die Tastaturen. Wohin man auch einkehrt: Es gibt drahtlosen Zugang zum Internet, gratis. Wen man auch fragt: Man hört die Geschichte eines Estlands, das sich von der sowjetischen Manufaktur zum Cyberland gewandelt hat. E-Estland steht in den Reiseführern. Das E steht für elektronisch. "Wussten Sie schon, dass Skype hier erfunden wurde?", sagt eine Mittzwanzigerin in dickem Strickpullover und nippt noch einmal an ihrem Kaffee. Es ist nicht wirklich eine Frage. Der erfolgreiche Internettelefonieanbieter ist eines der Aushängeschilder des estnischen Selbsbewusstseins, wenn es um Computer und Erfindergeist geht.
Ein Viertel der rund 1,3 Millionen Esten wählt über den Computer. Rund 90 Prozent aller Steuererklärungen werden elektronisch eingereicht, ebenso viele Banküberweisungen finden am Computer statt. Neu geborene Babys werden über das Internet angemeldet, Firmen in nur 20 Minuten registriert. Polizisten können die Führerscheine von Autosündern online abrufen, Eltern die Schulübungen ihrer Kinder kontrollieren. Für alle Bürger über 15 Jahren wird eine Chipkarte angelegt, ein digitaler Ausweis, mit dem sie viele ihrer Behördenwege von zu Hause oder dem Handy aus erledigen können. Und in jeder Schule gibt es seit mehr als einem Jahrzehnt Breitbandinternet, etliche Computer und Lehrer, die auch mit ihnen umgehen können.
Das alles beginnt mit jener Idee in einer Bar, damals im Jahr 1996. 15 Jahre später sitzt Enel Mägi im vierten Stock eines glasverkleideten Bürogebäudes ein paar Kilometer südlich der Tallinner Innenstadt und denkt nach. "Die Vorstellung, von dem was möglich sein wird, die haben wir in die Welt gesetzt" sagt sie. Die zierliche Estin mit den roten Locken ist die Geschäftsführerin der Tiigrihüppe Sihtasutus, was soviel heißt wie Tigersprung Stiftung. Eine Nichtregierungsorganisation (NGO), die ihr Geld vom Staat, den 15 Regionen Estlands und der Europäischen Union (EU) bekommt. Es sind keine großen Summen, die da spendiert werden: anfänglich rund drei Millionen Euro im Jahr, heuer werden es einenhalb sein. Damit kauft die Stiftung Computer und Roboterbaukästen für Schüler, zeigt den Lehrern, wie sie das alles im Unterricht verwenden können. "Wir sind ein kleines Land mit flachen Hierachien", sagt Mägi und lächelt schüchtern. "Da hat so ein Programm große Wirkung."
Sie ist seit 1997 Geschäftsführerin der Tiigrihüppe Sihtasutus, seit es sie gibt. Ein Jahr nachdem der damalige Präsident Lennart Meri im Staatsfernsehen die nächtliche Idee seiner Kollegen aus der Bar vorstellt. "Wir brauchen einen Tigersprung", sprach er mit ernster Stimme in die Kameras. Ein Sprung zum wirtschaftlichen Tiger, so wie er in den asiatischen Staaten Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur Mitte der Neunziger Jahre passierte, ein Wirtschaftswachstum zwischen fünf und zehn Prozent im Jahr. Nur wenige Jahre später werden Journalisten, Politiker und Bildungsexperten Estland den baltischen Tiger nennen. In zehn aufeinanderfolgenden Jahren gab die Regierung Jahr für Jahr ein Prozent des estnischen Bruttoinlandsprodukts dafür aus, das Land und seine Schulen ans Internet anzuschließen. "Im Jahr 2000 waren wir das erste europäische Land, in dem alle Schulen an das Internet angeschlossen waren", sagt Mägi. Jetzt sind die Kinder der ersten Jahre mit der Universität fertig. Für Mägi ist der neue Weg auch eine Frage der Tradition. Im estnischen Tartu steht eine der ältesten Universitäten Nordeuropas. Bevor die Sowjets das Land besetzten, konnten laut einer Studie aus den Zwanziger Jahren alle Esten lesen und schreiben. Nun, wo die Kommunisten wieder weg sind, sei es nur allzu logisch gewesen, die Bildung wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Als die estnischen Schüler im Jahr 2006 zum ersten Mal an der PISA-Studie teilnahmen, landeten sie auf Anhieb auf Platz Fünf.
Ivar Tallo wischt hektisch über den verschmierten Bildschirm seines iPad. "Estland ist ein Modell", sagt der 47-Jährige mit dem sorgfältig getrimmten Schnauzer. In beigen Leinenhosen und Baumwollpullover sitzt er in seinem Büro in einem Seitentrakt der estnischen Nationalbibliothek. Hier leitet der Politikwissenschaftler seit ein paar Jahren die Nichtregierungsorganisation E-Governance Academy, die Regierungen rund um den Globus berät, wie sie das Internet am besten für ihre Arbeit nutzen können. Und das auch noch für verhältnismäßig wenig Geld, so zumindest die These Tallos: "Eine der Lehren für andere Länder mit geringen Budgets ist, dass gerade Investitionen in Bildungsinfrastruktur verhältnismäßig billig sind, aber große Effekte auf die Wirtschaft im Land haben.” Estland seid dafür das Paradebeispiel. Auch wenn dieser Weg Mitte der Neunziger selbst in der eigenen Bevölkerung nicht unumstritten war. "Viele Lehrer hatten Angst, die haben gesagt: Repariert doch erstmal das Dach, sonst regnet es noch auf die ganzen teuren Maschinen", sagt Tallo. "Aber die Regierung hat hier außergewöhnliches Stamina bewiesen und immer wieder Geld nachgeschossen".
Doch die Umschulung blieb nicht nur auf die Schulen beschränkt. Als die Esten das elektronische Wählen über Internet einführten, startete eine weitere NGO eine landesweite Ausbildungskampagne. Ihr Name: Look@World. Ihr Ziel: Auch die ältere Generation auf die digitale Welt vorzubereiten. Das Geld dafür kam von zehn estnischen Firmen, darunter auch einige Banken, die mehr Kunden für ihre Online-Konten schaffen wollten. In einem Jahr schulte die NGO mehr als 100.000 Esten im Umgang mit dem Computer. "Das sind rund zehn Prozent der gesamten Bevölkerung", sagt Tallo und seine Stimme wird höher. "Und dafür musste nicht einmal ein Cent Steuergeld ausgeben werden. Nicht einer!" Auch deswegen stehen in seinem Büro Monat für Monat Regierungsbeamte aus Ländern wie Indien, Dubai oder Brasilien, um von den Esten zu lernen.
Dabei sind die selbst noch nicht ganz fertig. Lebenslanges Lernen, könnte man wohl sagen. "Es ist eine niemals endender Kreislauf", sagt Geschäftsführerin Mägi und seufzt leise "Wenn man einmal begonnen hat, muss man immer wieder neue Dinge machen. Man kann nicht einfach sagen: Jetzt habt ihr alles, wir sind fertig." Als die Computer in den Klassenzimmern standen, brauchten die Lehrer die passende Software. Als die da war, musste die Stiftung eigene pädaogische Methoden für sie entwerfen. Bis dahin waren die Rechner schon wieder veraltet, neue Maschinen mussten her. "Zu Beginn kam das meiste Geld dafür von der Regierung in Tallinn", sagt Mägi. "Jetzt finanzieren wir die Geräte mit den lokalen Regierungen, die auch für die Schulen zuständig sind.” Dort können die Lehrer neben den vorgeschriebenen Lehrpläne auch Kursen der Tiigrihüppe Sihtasutus besuchen. "Wir haben den Vorteil, dass wir nicht so steif sind wie die staatlichen Lehrpläne und schneller auf neue Entwicklungen in der Computerbranche reagieren können", sagt Mägi.
Heute sieht sich die Tiigrihüppe Sihtasutus als etwas, das ihre Geschäftsführerin "Produktanbieter" nennt. Das Lieblingsbeispiel: Roboterbau. "Das ist eine gute Methode um Kinder für kreative Arbeit mit Computern zu begeistern." Die Bauteile und die Lehrpläne spendiert ihre Stiftung zusammen mit den Schulen. Jedes Jahr gibt es dazu landesweite Wettbewerbe. "Die sind als Ansporn gedacht", sagt Mägi. Wenn der Eifer erst einmal da ist, so sagt sie, sollte eigentlich alles wie von selbst laufen.
Erstmals erschienen: http://www.datum.at/artikel/1798/
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