Reisestipendium für wenige statt #FreeInterrail für alle

Vergebene Chance: EU-Kommission stellt kostenloses Interrail aufs Abstellgleis

2 Frauen mit Rucksack auf einem Bahnsteig © ÖBB

29.3.2017/SWE

Kurz gefasst

Mit Rucksack und einem Zug-Ticket durch Europa reisen, das bietet Interrail seit mehr als 40 Jahren. Eine Initiative namens #FreeInterrail wollte allen jungen Europäerinnen und Europäern zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket schenken. Die Idee dahinter: Europa kennenlernen. Doch daraus wird nun nichts – zu teuer, sagt die EU-Kommission. Stattdessen will sie eine Art Reisezuschuss für einige wenige Jugendliche zur Verfügung stellen.

Was und wer steckt hinter der Idee eines kostenlosen Interrail-Tickets für alle 18-jährigen Europäerinnen und Europäer? Andere Länder und Städte in der EU kennenlernen und der "Europamüdigkeit" auf ökologische Art und Weise den Kampf ansagen, das will #FreeInterrail erreichen. Die Idee dazu hatten 2 Deutsche, Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer, 2015 während ihrer Interrail-Reise in Wien. Alle jungen Europäerinnen und Europäer sollten zum 18. Geburtstag ein kostenloses Interrail-Ticket erhalten und so Europa "er-fahren" können. Rund 5,4 Millionen Menschen würden pro Jahr davon profitieren. Finanzieren sollten die #FreeInterrail-Tickets die EU-Institutionen.

Das EU-Parlament fand die Idee gut. In einer Plenumsdebatte am 4. Oktober 2016 unterstützten Mitglieder des EU-Parlaments aus beinahe allen Fraktionen (EVP, S&D, Grüne/EFA, ALDE) die Initiative. Doch die EU-Kommission erteilte dem Freifahrtschein fürs Reisen durch Europa nun eine Absage: Die Idee sei zwar an sich gut, doch zu teuer, so die Brüsseler Behörde am 27. März 2017, angesichts der erwarteten Kosten von 1,2 bis 1,6 Milliarden Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Das Gesamtvolumen des EU-Haushalts belief sich 2016 auf knapp 144 Milliarden Euro. Österreich als Nettozahler trägt mit 3 Milliarden Euro zum EU-Budget bei, erhält jedoch etwa 1,7 Milliarden Euro jährlich wieder durch Projekte und Förderungen (Landwirtschaft, Europäischer Sozialfonds und so weiter). Nicht an bestimmte Programme und Förderungen gebunden und somit frei zur Verfügung stünden im EU-Budget für Mobilitätsprojekte von Jugendlichen nur 2,5 Millionen Euro, so die EU-Kommission. Aus der Idee eines kostenlosen Interrail-Bahntickets für alle jungen Europäerinnen und Europäer wird also vorerst einmal nichts.

(Video auf der Seite der EU-Kommission ansehen.)

Kein #FreeInterrail, stattdessen "Move2Learn, Learn2Move"

Als Trostpflaster soll es nun ein kleineres Pilotprojekt geben. Statt freiem Reisen durch Europa für alle plant die Kommission eine Art "Reisestipendium" für einige wenige: Im Rahmen eines Pilotprojekts zum 30-Jahr-Jubiläum von "Erasmus+") sollen zunächst 5 000 bis 7 000 junge Menschen zwischen 16 und 19 Jahren eine Unterstützung für Reisen in andere europäische Länder bekommen. Das sind aus jedem der 28 EU-Länder im Schnitt maximal 250 Personen. Die jungen Europäerinnen und Europäer erhalten Reisetickets im Wert von 350 bis 530 Euro (abhängig von Wohn- und Zielort). Wichtig beim Transport ist das Einhalten bestimmter Kriterien wie CO²-Richwerte (unterschiedlich für Bahn, Bus, Fähre und Flugzeug). Finanziert wird die neue Initiative aus bestehenden Mitteln von "Erasmus+".

Von der Idee der kostenlosen Reisetickets für alle ist die neue Initiative weit entfernt, und sie ist an zahlreiche, teils komplizierte Bedingungen geknüpft: Um an "Move2Learn, Learn2Move" mitmachen zu können, müssen die Interessierten Projekte auf dem Online-Schulportal der EU "eTwinning" durchführen. Pro EU-Mitgliedsland werden die besten Projekte – vor allem Sozialprojekte – mit den Tickets prämiert. Die ausgewählten Gewinnerinnen und Gewinner können dann zwischen 15. August 2017 und 31. Dezember 2018 allein oder mit ihrer Schulklasse 2 Wochen lang verreisen. Wie es 2019 weitergeht, steht noch nicht fest.

"EU vergibt große Chance"

Frau schaut aus Zugfenster © ÖBB

Frau schaut aus Zugfenster Kein Interrail für alle – dafür ein Pilotprojekt für einige wenige (© ÖBB)

Kritik kam umgehend von EU-Abgeordneten, welche die #FreeInterrail-Idee unterstützt hatten. Manfred Weber, CSU-Mandatar aus Deutschland im Europäischen Parlament, meinte, die Kommission vergebe eine große Chance. Man dürfe einen einfachen Vorschlag für eine faszinierende Idee nicht bürokratisch umsetzen. "Die Idee ist alles andere als tot." Er möchte sich weiterhin für #FreeInterrail einsetzen: "Wir wollen durchsetzen, dass es im Jahr 2018 einen Einstieg in die eigentliche Idee des Interrail-Tickets gibt und ein ernsthafter Betrag im EU-Haushalt vorgesehen wird." Auch Rebecca Harms, eine deutsche grüne EU-Abgeordnete, kritisiert den komplizierten Kommissionsvorschlag. Die Initiative sei "denkbar weit von der ursprünglichen und charmant einfachen Idee" entfernt, so Harms.

Österreichs Verkehrsminister Jörg Leichtfried hatte sich in den letzten Monaten für die Initiative stark gemacht. Er forderte bereits im Februar 2017 die Umsetzung des Projekts: "Die Jugendlichen sollen spüren können, was sie von der EU haben. Angesichts der mangelnden Solidarität, die gerade in der EU herrscht, wäre das ein wichtiger Schritt. (…) Es geht darum, möglichst alle damit zu erreichen, vor allem auch die Jugendlichen, die sich das sonst nicht leisten könnten."

Hintergrund: Was ist Interrail?

Es ist "nur" ein Ticket, gleichzeitig aber ein verbindendes Symbol für Europa: Interrail. Den Interrail-Fahrschein gibt es bereits seit 1972. Aktuell bezahlen junge Menschen im Alter von bis zu 27 Jahren etwa 500 Euro dafür, mit der Bahn unbegrenzt einen Monat lang durch Europa reisen zu können. Je nach Alter, Reisedauer, Reisekategorie und Zahl der bereisten Länder können die Preise variieren. Für die Initiative haben sich die europäischen Bahngesellschaften zusammengeschlossen. Ähnliche Angebote zu unterschiedlichen Preisen gibt es auch für Erwachsene, Senioren und Familien.

In den 70er und 80er Jahren wurden Interrail-Erlebnisse zum festen Bestandteil vieler Jugendbiografien. In den 90er Jahren verlor das Ticket seine Anziehungskraft. Billigfluglinien machten die Anfahrtswege zu Europas Metropolen bequemer und vielfach auch billiger. Die Bahnfahrkarte geriet ins Abseits. Doch in den letzten Jahren stieg die Beliebtheit von Interrail wieder. Jährlich nützen nach Angaben der EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc rund 300 000 Menschen das Interrail-Angebot.

Webtipps

Pressemitteilung der EU-Kommission zur Initiative "Move2Learn, Learn2Move", 27. März 2017
Österreichische Bundesbahnen (ÖBB), Website zu Interrail
Website #FreeInterrail
Initiative "Move2Learn, Learn2Move" (auf Englisch)
Factsheet zur Initiative "Move2Learn, Learn2Move"
Plattform "eTwinning" (auf Englisch)
Pressemitteilung zur Debatte im EU-Parlament, 4. Oktober 2016