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Christian Mahnahl: "Ich bin ein begeisterter EU-Kritiker, aber kein EU-Skeptiker"

Der Absolvent der Diplomatischen Akademie Wien leitet die EU-Delegation in Eritrea.

Christian Mahnahl

Berufliche Laufbahn:

Christian Mahnahl ist seit September 2014 Leiter der EU-Delegation im nordostafrikanischen Staat Eritrea. Mahnahl wurde 1960 geboren und trat 1989 in den österreichischen Diplomatischen Dienst ein. Nach Posten in Mozambique (Wahlbeobachtung, 1993-1994) und an der Ständigen Vertretung Österreichs bei der UNO in Genf (1995-1996) wechselte er 1996 in den "European Civil Service". Seitdem liegt sein Tätigkeitsschwerpunkt in der Entwicklungszusammenarbeit, meist in afrikanischen Staaten (Berater für Regionalpolitik für das Afrikanische Horn und die Region der Großen Seen in Nairobi; Referent für Sudan und Uganda). Von 2007 bis 2011 war Mahnahl im Kongo tätig (UNO-Peacekeeping-Mission), von 2011 bis 2012 in Somalia (Stellvertretender Leiter des UN-Politischen Büros, Stellvertretender Spezialbeauftragter des UNO-Generalsekretärs).

Der Absolvent der Diplomatischen Akademie Wien spricht neben seiner Muttersprache Deutsch auch Englisch, Französisch, Portugiesisch und Suaheli.

Der EU-Beitritt Österreichs, eine "Weltöffnung"

Österreich hat sich seit dem EU-Beitritt 1995 verändert, ist offener, internationaler geworden. Für mich persönlich eröffnete der EU-Beitritt neue Möglichkeiten, nicht nur beruflich, sondern auch privat – einfacheres Reisen, Kaufen, Arbeiten im europäischen Raum. Eine Weltöffnung für unser kleines Land, sozusagen.

Ein solidarisches Europa ist notwendig

Die größten Herausforderungen sind der Mangel an einer klaren, einheitlichen Vision für die Zukunft Europas und das dramatische "Wohlfahrtsgefälle" zwischen den reicheren EU-Ländern im Norden und den ärmeren im Süden, vor allem denjenigen, die unter massiver Arbeitslosigkeit leiden. Ohne ein solidarisches Europa wird die EU kaum mittelfristig erfolgreich sein. Reformprozesse sind nötig, nicht nur im Süden. Aber Arbeitslosenraten über 12, 15, 25 Prozent sind wirtschaftlich, politisch und sozial unsinnig und unverantwortlich. Derzeit wird John Maynard Keynes' Politik des "deficit spending" von der Weltbank und der EU-Kommission "wiederentdeckt", aber es sind rasche Investitionen nötig, um den bereits angerichteten Schaden an der Glaubwürdigkeit der EU in Griechenland, Spanien und anderswo zu begrenzen.

Europa braucht eine klare Zukunftsvision

Europa hat Gigantisches erreicht, die EU hat Europa zweimal zusammengeführt und feindselige Länder und Lager versöhnt, einmal nach dem Zweiten Weltkrieg und dann nach dem Fall der Berliner Mauer. Damals waren die Ziele klar. Aber was nun? Welches Europa wollen wir in 20, 30, 50 Jahren? Anscheinend bestehen nur diffuse und oft widersprüchliche Vorstellungen darüber. Aber Europapolitik ohne Visionen degeneriert zum Marktplatz nationaler Interessen, daher auch der Politikverdruss und die niedrige Wahlbeteiligung bei den Europawahlen.

Ein EU-Job mit Abwechslungsreichtum ...

Ich war schon immer an europäischer Politik interessiert und habe mich nach dem Beitritt Österreichs bei der EU (damals Kommission) beworben. Im Februar 1996 habe ich in Brüssel angefangen, im außenpolitischen Bereich mit Schwerpunkt Zentralafrika. Wenn ich heute nochmals anfangen könnte, würde ich mich selbstverständlich wieder für einen Job bei der EU entscheiden.

Ich bin Leiter der EU-Delegation in Eritrea. Mein Tagesablauf ist sehr abwechslungsreich – Diskussion des europäischen Entwicklungsprogramms, politische Debatte über Migration und Menschenrechte, Management einer Delegation von 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus einem Dutzend Ländern, Vertretung der EU bei öffentlichen Veranstaltungen.

... und mit Sinn

Um diesen Job auszuüben, braucht es eine tiefe Überzeugung, dass europäische Zusammenarbeit bessere Lebensbedingungen für europäische Bürgerinnen und Bürger bringen kann und die Rolle Europas in der Welt verstärkt – um globale Probleme mit geballten Mitteln zu lösen, unsere Sicherheit im Auge zu behalten und unsere Grundsätze zu verteidigen.

Das Besondere an diesem Beruf ist das Privileg, an der Verwirklichung einer politischen Einheit beizutragen, die derzeit kollektiv die größte Wirtschaftsmacht der Welt darstellt und den höchsten Lebensstandard aufweist. Nicht ohne Grund suchen Menschen aus aller Welt in Europa nicht nur Zuflucht vor politischer oder religiöser Unterdrückung, sondern auch nach wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten, die sonst kaum irgendwo zu finden sind. Europa steht – immer noch – für soziale Freiheit und Toleranz, Wohlstand, Solidarität und Umweltbewusstsein.

Als europäischer Bediensteter sollte man in ganz Europa zu Hause fühlen

Es lebt sich auch "fern der Heimat" ganz gut, solange man den Kontakt nicht verliert. Als europäischer Beamter sollte man sich in ganz Europa zu Hause fühlen, daher habe ich meine Jahre in Brüssel nicht so sehr als "Auslandsaufenthalt" empfunden. Meine Zeit in Afrika – insgesamt mehr als 12 Jahre – war aufregend, aber auch ernüchternd: Dort arbeiten, ja, mit Begeisterung, aber meine Freizeit möchte ich doch weitgehend in Europa verbringen.

"Begeisterter EU-Kritiker, aber kein EU-Skeptiker"

Ich bedauere die weit verbreitete EU-Skepsis, auch in Österreich. Man sollte EU-Kritik nicht mit Skepsis verwechseln. Jedes politische und soziale Gefüge braucht Kritik; ohne Kritik gibt es keine Erneuerung, ein Staat oder eine regionale Organisation wird ohne Kritik sklerotisch und längerfristig irrelevant. Ich bin ein begeisterter EU-Kritiker, aber kein EU-Skeptiker. In einer Zeit, in der die großen Metropolen der Welt mehr Einwohnerinnen und Einwohner haben als die meisten EU-Mitgliedstaaten, ist ein Rückzug auf nationale Interessen nicht realistisch oder zweckmäßig. Wir brauchen die EU, aber wir sollen nicht davor zurückscheuen, sie zu kritisieren. Das wird oft missverstanden oder von bestimmten politischen Gruppen propagandistisch ausgebeutet.

Viele Österreicherinnen und Österreicher sollten die EU kennen lernen

Die EU könnte man den Menschen in Österreich näher bringen und vertrauter machen, indem man auf allen Ebenen die Möglichkeit unterstützt, ins europäische "Ausland" zu gehen und andere EU-Mitgliedstaaten kennenzulernen – durch Urlaub, durch "Erasmus-Stipendien", durch Erleichterungen bei der Arbeitssuche in der EU, durch Sprachunterricht und Kulturaustausch. Eine weitere EU-Integration wird nicht erfolgreich sein, wenn sie nicht auf einer sich allmählich entwickelnden europäischen Identität begründet ist.

Der Arbeitsplatz von Christian Mahnahl

Christian Mahnahl leitet die EU-Delegation in Eritrea, also eine von insgesamt 130 Auslandsvertretungen der EU bei Drittstaaten (Nicht-EU-Ländern) und Internationalen Organisationen. Sie hat ihren Sitz in der Hauptstadt Asmara und beschäftigt 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die EU-Kommission hat ihre Vertretung in Eritrea 1995 – zwei Jahre nach der Unabhängigkeit Eritreas im Jahr 1993 – eingerichtet. Die Zusammenarbeitet der EU mit dem nordostafrikanischen Staat zielt auf die Verringerung der Armut sowie nachhaltige soziale und wirtschaftliche Entwicklung ab. Weiters leistet die EU vor Ort humanitäre Unterstützung in akuten Krisen, etwa bei Hungersnöten oder bewaffneten Auseinandersetzungen.

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