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Die nackte Rache

Diese junge Frau kennt ihn Dänemark fast jeder. Sie ist keine Musikerin, keine Schauspielerin, keine Moderatorin, keine Sportlerin, keine Politikerin, keine Firmengründerin, keine Castingshow-Teilnehmerin, nein, sie kennt in Dänemark fast jeder – allerdings fast jeder nackt, obwohl sie das nie wollte. Über Nacht sind im Internet Nacktfotos von ihr aufgetaucht, die ein Ex-Freund von ihr gemacht hat. Jetzt hat Emma Holten in ihrem Land durchgesetzt, dass sowas bald strafbar ist.

(TV-Beitrag auf Youtube ansehen.)

Ein TV-Beitrag von Florian Danner und Jane Hardy (Kamera) für eurotours 2017

Texttranskript

Reporter Florian Danner: Diese Fotos haben Gesetze verändert und die Art, wie viele Leute denken. Dabei wollte sich diese junge Frau eigentlich niemals in ihrem Leben nackt in der Öffentlichkeit zeigen.

Emma Holten ist 25 und lebt in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. 6 Jahre ist es her, dass sich ihr Leben schlagartig geändert hat.

Emma Holten: Eines Tages morgens öffne ich meine E-Mails und sehe, dass Nacktfotos von mir, die ich 3 Jahre davor für meinem damaligen Freund gemacht habe, überall im Internet zu finden waren. Inklusive meiner Daten: Meine Handynummer, meine E-Mail-Adresse, "Google Streetview"-Fotos von dem Haus, in dem meine Wohnung ist, von meinem Arbeitsplatz, mit kompletter Facebook-Freundesliste, damit es einfach ist, mich zu belästigen.

Florian Danner: Jemand muss Emmas Computer gehackt haben. Auf einmal konnte jeder Mensch im Internet jeden Millimeter ihres Körpers anschauen.

Emma Holten: Da kommt in der Kantine meiner Arbeit zum Beispiel dieser Mann auf mich zu und sagt: "Du bist ja richtig aktiv im Internet." Ich habe zuerst so getan, als wüsste ich nicht, was er meint. Daraufhin sagt er: "Du kannst mich nicht belügen. Ich habe alles gesehen." Ich habe mir nur gedacht: Wie kannst du so mit mir reden? Ich bin allein gestanden und er wollte mich einfach demütigen. Es hat so wehgetan, dass ich mein Essenstablett weggestellt habe und davongelaufen bin.

Florian Danner: Rein rechtlich war Emma Holten machtlos. Von den vielen dubiosen Betreibern der Seiten, die ihre Fotos veröffentlicht haben, hat sie keine oder schnippische Antworten bekommen.

Emma Holtens Schicksal ist kein Einzelfall. An der Uni von Kopenhagen haben Wissenschafterinnen herausgefunden, dass jeder fünfte unter 20-Jährige schon einmal Opfer von Rachepornos geworden ist. Und einer von 20 jungen Internetusern hat schon einmal Fotos weitergeschickt oder geteilt, ohne dem Einverständnis der Menschen am Foto.

Kathrine Elmose © Florian Danner

Kathrine Elmose, Cyberbullying-Forscherin (Universität von Kopenhagen): Viele Leute, die Fotos im Internet teilen, haben keine Ahnung, dass sie damit ein Verbrechen begehen. Wir in Dänemark haben heuer allein im ersten Halbjahr schon 25 Gerichtsverfahren wegen gestohlenen Nacktfotos gehabt. 129 Fälle sind angezeigt worden.

Florian Danner: Im Fall von Emma Holten gab es noch keine Strafen. Sie ist 3 Jahre lang auf keine Partys oder ins Kaffeehaus gegangen. Bis sie beschlossen hat, nicht mehr das Opfer sein zu wollen.

Emma Holten: Ich habe mir irgendwann gedacht, ich mache ein Kunstwerk daraus. Mit einer professionellen Fotografin habe ich neue Nacktfotos von mir gemacht, sie ins Internet gestellt und erzählt, was ich erlebt habe. Auf einmal haben sich hunderte andere Opfer gemeldet, Fernsehstationen wie ihr habt meine Geschichte erzählt und kein halbes Jahr später hat mich die UNO (Vereinte Nationen) nach New York eingeladen, um dort eine Rede zu halten.

Florian Danner: Durch Emma hat Dänemark jetzt als einer der ersten Staaten in Europa, eine Höchststrafe von 2 Jahren Gefängnis eingeführt für Menschen, die Nacktfotos ohne Einverständnis der Fotografierten teilen. Die Stadt New York, Australien oder Neuseeland sind Dänemark gerade gefolgt. Im dänischen Bildungsministerium weiß man, dass Europa da hinterher hinkt.

Kira Appel © Florian Danner

Kira Appel, Cyberbullying-Beauftragte (Dänisches Bildungsministerium): Emma Holten hat hier vieles in Gang gesetzt. Wir haben auch gerade eine Konferenz mit Regierungsvertretern aus allen EU-Staaten hier in Kopenhagen abgehalten, damit sich alle des Problems bewusst werden.

Florian Danner: Österreich war bei der Konferenz von Staatssekretärin Muna Duzdar vertreten. Mehr als eine Meldestelle gibt es bei uns aber für Opfer von Cybermobbing, Bullying oder Rachepornos noch nicht.

Aber Emma Holten weiß, dass es auch bei uns viele Frauen und auch einige Männer gibt, die eine ähnliche Geschichte haben wie sie. Eine Geschichte, die einen ein Leben lang begleitet.

Emma Holten: Ich denk immer wieder darüber nach, wie das einmal für meine künftigen Kinder sein wird. Werden die meine Nacktfotos sehen? Wie wird das, wenn ich einen neuen Job suche? Würde mich eine Bank zum Beispiel jemals ernst nehmen? Oder irgendein großer Konzern oder eine Organisation?

Florian Danner: Emma hat viel daraus gelernt – auch, dass sie sich von Menschen, die sie beschimpfen, nicht ihr Leben verändern lasst. Und macht sie heute immer noch Nacktfotos?

Emma Holten: Natürlich. Ohne zu zögern. Erst vorgestern hab’ ich meinem Freund ein Nacktfoto von mir geschickt. Wenn ich ein Mann wäre und mir auf einer Party ein anderer Mann eine reinhaut, würde ich nie wieder auf eine Party gehen? Natürlich nicht. Die Party war nicht das Problem, sondern der Idiot, der zugeschlagen hat. Meine privaten Nacktfotos haben das Verbrechen zwar möglich gemacht, aber sie haben das Verbrechen nicht begangen.

Eurotours in Dänemark

Florian Danner, Emma Holten, Jane Hardy © Florian Danner

Autor: Florian Danner
Kamera: Jane Hardy 

Medium: Puls4
Eurotours-Ziel: 26. bis 29. August 2017 (Dänemark)

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