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Die Post-Job Society: Was kommt nach der Arbeit?

"Schöne neue digitale Welt?" Unter diesem Motto haben im Sommer 2017 im Rahmen des "Eurotours"-Programms 27 junge Journalisten aus Österreich 27 EU-Staaten bereist und sich dort mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft befasst. "trend"-Mitarbeiter Philipp Grüll war in der französischen Hauptstadt Paris.

Ein Beitrag von Philipp Grüll (Trend) für eurotours 2017

Paris, Juli 2017. An den Zeitungsständen beherrscht ein Wort die Schlagzeilen: "Travail" – "Arbeit". Macrons geplante Reformen sorgen für Unmut, Arbeitsrecht ist ein heißes Eisen. Doch während auf den Straßen von Paris die Menschen für den Erhalt ihrer Arbeitsrechte demonstrieren, wird in Think-Tanks an anderen Orten in der Stadt schon überlegt, wie eine Welt ohne Arbeit aussehen könnte. Wie eine solche "Post-Job Society" funktionieren könnte, wenn unsere Arbeit von Robotern übernommen werden sollte. Ob das passieren könnte, ist umstritten. Doch in Paris möchte man vorbereitet sein.

Eine Post-Job Job Society wäre per Definition eine Gesellschaft, die ohne Vollbeschäftigung auskommt. Die Frage lautet also: Welche Rolle erfüllt Arbeit im sozioökonomischen Gefüge, und wie müsste man diese Rolle neu besetzen, um sozialen Frieden zu sichern? Anders gefragt: Was verliert man, wenn man Arbeit verliert?

Die intuitive Antwort darauf ist: Den Lohn. Arbeitsverlust bedeutet Kaufkraftverlust, Menschen verarmen, der Konsumkreislauf schläft ein. Ein Lösungsansatz ist hinlänglich bekannt, fristete lang ein Schattendasein und erlebt heute eine Renaissance: Das bedingungslose Grundeinkommen, kurz BGE. Die Idee: Jeder Bürger erhält monatlich und ohne weitere Verpflichtungen einen bestimmten Geldbetrag, mit dem die Grundbedürfnisse gestillt werden können.

Geld ohne Arbeit

Die von Digitalisierung und Automatisierung ausgelösten Veränderungen der Arbeitswelt haben das provokante Konzept in den politischen Mainstream gehoben: Im französischen Wahlkampf wurde das BGE als Wahlkampf-Waffe eingesetzt. Eine beachtliche Entwicklung, findet Nicole Teke vom Mouvement Français pour un Revenu de Base (MFRB), die für ein "bedingungsloses, individuelles und universelles" Grundeinkommen kämpft.

Das Pariser Café ist als Interview-Ort ungeeignet, Straßenlärm dringt herein. Doch Teke berichtet leidenschaftlich und laut: Sämtliche Grundbedürfnisse müsse das Grundeinkommen decken, Ziel sei die Befreiung vom Lohnzwang. Niemand solle gezwungen sein, belastenden Berufen nachzugehen, nur um Essen und Obdach zu haben. Dank Automatisierung könnte das zur sozioökonomischen Notwendigkeit werden, sagt auch ihr Kollege Sebastien Groyer. Der aufgeweckte Mittdreißiger mit krausen Haaren ist Ökonom und Philosoph – eine Kombination, die zuweilen tiefgründige, manchmal provokante Früchte trägt.

Delphine Granier © Philipp Grüll

Auch Delphine Granier vom liberalen Think Tank "GenerationLibre" sieht das BGE als Antwort auf Automatisierung. Das "GenerationLibre"-Büro sieht aus wie ein Stock-Fotostudio zum Thema "StartUp": Weiße Wände, Küche, Mittzwanziger an Sticker-bedeckten Macbooks. Allerdings werden hier keine Exit-Strategien ausgebrütet, sondern neue Gesellschaften.

Granier erwartet große Umwälzungen durch Automatisierung, aber dezidiert nicht das Ende der Arbeit, sondern lediglich das Ende klassischer Karrieren: Roboter würden monotone 40-Stunden-Tätigkeiten übernehmen, alte Industrien entmenschlichen und Vollzeit-Verträge verschwinden lassen. Menschen würden "unterbrochene Karrieren" haben und "mal als Freelancer, mal als Angestellter, mal unabhängig, mal gar nicht" arbeiten. Um dabei ein "Abrutschen in Armut" zu verhindern, brauche es ein Grundeinkommen. Aber: "Für uns ist das BGE pro-Arbeit". Granier glaubt an die "kreative Zerstörung" und an die Entstehung neuer Jobs. Damit die Menschen ihre Ideen in Jobs umwandeln können, ohne gleich in Armut abzurutschen, brauche es das BGE. "Wegen der Automatisierung wird es keine Job-Sicherheit mehr geben", betont sie.

Missionen statt Berufe

Aber: Ein BGE würde nur das finanzielle Loch füllen. "Und Geld ist natürlich keineswegs der einzige Lohn der Arbeit", sagt die Soziologin Daniele Linhart, Autorin des Buches "Wieso arbeiten wir?" Am Telefon klingt die Dame fast euphorisch, dass ihre bereits 2008 formulierten Thesen dank der Automatisierung nun gefragter sind als je zuvor: Lohnarbeit bestimmt unseren Platz in der Gesellschaft, schafft Identität nach innen und soziales Ansehen von außen. Das sind die nicht-monetären Löhne der Arbeit, die Ordnung im sozialen Gefüge schaffen. Wie also funktioniert eine Gesellschaft, in der soziale Strukturen nicht mehr durch Lohnarbeit bestimmt werden können?

"Vor der Lohnarbeit hat die Familie bestimmt, wer du bist und was deine Aufgabe im Leben ist. Heute ist es der Job.", sagt MFRB-Aktivist Groyer, und fügt hinzu: "Und dank Automatisierung wirst du es in Zukunft selbst sein."

Diese Vision teilt er mit Granier von GenerationLibre, die sagt: "Identität durch eine berufliche Tätigkeit verschwindet." Immer mehr Menschen seien hingegen "auf einer Mission" – in Graniers Fall die Verbreitung liberaler Ideen. Ihre Tätigkeiten wie Management, Recherche oder Pressearbeit seien keine Job-Titel, sondern nur Aktivitäten, die ihrer Mission dienen. Das sehe sie auch im eigenen Umfeld: Während die Älteren noch um feste Jobs mit Kündigungsschutz kämpfen, wünsche sich die junge Generation eher Flexibilität und lege wenig Wert auf Fixjobs. In ihrem Freundeskreis werde Arbeit nicht mehr als Selbstzweck gesehen, sondern als Mittel, um selbst gesetzte Lebensaufgaben – und damit sich selbst – zu verwirklichen. Damit Identitätskrisen nicht zur Volkskrankheit werden, müssten die Mitglieder der Post-Job Society ihr Leben verstärkt selbst füllen. Mit Aktivitäten und, im weiteren Sinne, mit Sinn.

Produktives Kartenspielen

Bleibt die Frage des sozialen Ansehens in einer solchen Gesellschaft. Der Status Quo lautet: Nur wer arbeitet, liefert einen Beitrag für die Gesellschaft (sprich: Volkswirtschaft) und verdient somit einen vollwertigen Platz in ihr, erklärt Linhart: "Arbeitslose gelten als faul, tragen das Stigma Schnorrer. Denn erst durch Arbeit werden wir sozialisiert."

Wenn Arbeit soziale Hierarchien regelt, dann ist die Frage, wie man das rasche Anwachsen einer "Klasse der Nutzlosen", der durch Maschinen Ersetzten und von sozialer Ächtung Bedrohten verhindert? Hier lauert Gefahr, sagt Loic Bardon, Mitbegründer des Think-Tanks "Paris Singularity" und malt ein düsteres Bild: Der Sozialstaat könne die Ersetzten am Leben halten (auch Bardon ist für das BGE), allerdings würden sich sie sich nutzlos vorkommen, ohne Platz und Aufgabe in der Gesellschaft. Der kollektive Frust könnte sich in sozialen Unruhen entladen (man denke an die Maschinenstürmer). Die "politisch bequeme Antwort" seien breitflächige Umschulungen und Weiterbildungen, doch Bardon ist überzeugt: Das wird nicht reichen. Neue Industrien seien zu arbeitseffizient, man brauche einfach immer weniger Menschen, mit oder ohne digitalen Skills. Soziale Berufe seien vorerst sicher. "Aber mal ehrlich: Wie viele Barkeeper und Salsa-Lehrer brauchen wir wirklich", fragt Bardon.

Besonders kritisiert Bardon die Kopplung von Prestige und Gehalt: Als Digitalberater verdiene er weit mehr als ein Lehrer, so entstehe das falsche Bild, sein Job wäre mehr wert als das Unterrichten von Kindern.

Gerade Befürworter des BGE stehen vor diesem Prestige-Problem. In einer automatisierten Post-Job Society kann nur dann sozialer Friede herrschen, wenn nicht nur die Angst vor Armut verschwindet, sondern auch die Angst vor dem sozialen Stigma als "Schnorrer". Daher fordern die MFRB-Mitglieder Teke und Groyer auch unisono ein "Re-Branding von Produktivität". Teke zitiert den pro-BGE-Ökonomen Baptiste Mylondo: Wahre Emanzipation vom Lohnarbeitszwang sei erst erreicht, "wenn jede positive soziale Interaktion, selbst ein Kartenspiel unter Freunden, als produktiv gilt". Groyer geht sogar noch weiter: "Wir sollten jeden Beitrag zum Allgemeinwohl als produktiv ansehen. Sogar, wenn jemand sich selbst glücklich macht, denn wenn ich von glücklichen Menschen umgeben bin, geht es mir auch besser."

Vorsicht geht vor

"Ich bin Vater, und sehe es als meine Pflicht, mir die Welt in 20 Jahren vorzustellen und alles zu tun, damit meine Kinder gut in dieser Gesellschaft leben können" betont Bardon. Die Automatisierung sei eine wirtschaftliche und soziale Herausforderung. Daher müsse die Gesellschaft holistisch betrachten, angefangen beim Individuum, um das Zusammenspiel von Arbeit und Gesellschaft neu zu denken.

Zu tun gäbe es auch in einer volldigitalisierten Zukunft, in der konventionelle Arbeit von Maschinen erledigt wird, genug. Insofern sind sich die Think-Tanks einig. Freiwilligenarbeit, Gemeinnütziges oder künstlerisches Schaffen zum Beispiel. Die Post-Job-Society bezeichnet Teke als "Aktivitäts-Gesellschaft", die der heutigen "Job-Gesellschaft" nachfolgt. Dank BGE könne jeder das eigene kreative Potential ausleben, sich selbst und anderen Lebensaufgaben schaffen, und müsse dabei keine Angst vor sozialer Ächtung durch Armut haben.

Das klingt utopisch. Doch in Paris schreckt man vor Utopie nicht zurück. Denn manche denken, dass diese industrielle Revolution anders werden könnte als die bisherigen Revolutionen. Die Produktivitätszuwächse, und damit der verminderte Bedarf an menschlichem Kapital, könnten schneller kommen als zuvor. Was auch immer passieren wird: Die Automatisierung lädt ein, das Zusammenspiel von Arbeit und Gesellschaft kritisch zu reflektieren. Dafür ist es besser, einen Plan zu haben und den vielleicht wieder zu verwerfen, als planlos in die Zukunft zu gehen. Lieber ein wenig zu weit gedacht, als zu kurz.

Eurotours in Frankreich

Philipp Grüll © Philipp Grüll

Autor: Philipp Grüll 
Medium: trend
Eurotours-Ziel: 24. bis 28. Juli 2017 (Frankreich)

Die Post-Job Society: Was kommt nach der Arbeit?

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