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Digital Hub statt Whiskey

In Dublin wächst seit Jahren der größte Digitalcluster Irlands. Ein Vorzeigebeispiel für viele Städte, wie man in die Zukunft gehen kann - auch für Wien.

Ein Beitrag von Martina Pock (Wiener Zeitung) für eurotours 2017

Waren es einst Bier und Whiskey, die weltweit Konnotationen mit Irland schufen, so sind es heute die Informations- und Kommunikationstechnik. In den Liberties, einem Distrikt westlich von Dublins Zentrum, wächst seit Jahren der größte Digitalcluster Irlands. The Digital Hub vereint die Bereiche Technologie, Digitale Medien sowie IT-Unternehmen in einem Bezirk. Dublin ist somit Vorzeigebeispiel für viele Städte, wie man in die Zukunft gehen kann - auch für Wien.

Wo einst Whiskey produziert wurde, entstehen heute Ideen für die Zukunft. Gegründet wurde der Cluster in Dublin vom Ministerium für Kommunikation, Klimaschutz und Umwelt im Jahr 2003. Damals standen die vielen Gebäude, die einst zur größten Whiskey-Destillerie Irlands gehörten, leer. Das Viertel war heruntergekommen und geprägt von sozialen Problemen. Mittlerweile wurden neun Gebäude renoviert und bieten Platz für rund 100 Unternehmen aus den Bereichen Technologie, digitale Medien und IKT (Informations- und Kommunikationstechnik) mit 700 Beschäftigten sowie Bibliotheken und Coworking-Plätze.

Auch hier war der Brexit spürbar. "Unmittelbar nach dem Referendum haben sich viele Unternehmen bei uns gemeldet und nach freien Plätzen gefragt", erzählt Melissa Meehan, zuständig für Marketing und Kommunikation im Digital Hub. Der neu geschaffene Wohn- und Arbeitsraum ist gefragt, da die Mieten im Zentrum der Stadt vor allem für junge Menschen beinahe unerschwinglich sind.

Etwa die Hälfte der Unternehmen sind aus dem Ausland. "Unser Programm basiert auf drei Säulen. Wir versuchen einerseits junge Unternehmen anzusiedeln, andererseits machen wir auch Projekte mit Schulen, um die Kinder für digitale Themen zu begeistern, und wir tragen gleichzeitig zur Stadterneuerung bei, indem wir mit den Mitteln, die wir lukrieren, weitere alte Gebäude renovieren", erklärt Meehan. Dabei wird besonders auf ein ausgewogenes Nebeneinander von zeitgenössischer Innenarchitektur und Komponenten der alten Bausubstanz Wert gelegt.

Windmühlenturm des Digital Hubs

Herzstück des Digital Hub ist ein Windmühlenturm aus dem Jahr 1757, in dem einst Getreide für Whiskey getrocknet wurde. Auch dieses Gebäude wird in den nächsten Jahren renoviert werden. 2015 verbuchte der Cluster einen Gewinn von 4,1 Millionen Euro. Zudem wird eng mit dem nahe gelegenen Trinity College und dem National College of Art and Design zusammengearbeitet. Aber auch mit dem Guinness Enterprise Centre, ein privates Start-up-Zentrum, das am Gelände der gleichnamigen Brauerei angesiedelt wurde.

Das kreative Viertel ist heute geprägt von jungen Menschen, Shops, Bars und vielen Studenten. Wer ein Bachelorstudium in Irland beginnt und für mindestens vier Semester an einer irischen Universität studiert, muss keine Studiengebühren bezahlen.

Die Mehrheit besitzt keine digitalen Kenntnisse

Trotz hoher Investitionen in die digitale Zukunft des Landes und der bemühten Integration digitaler Technologien ist die Hauptstadt Dublin derzeit Hauptakteur. Viele Teile der Insel halten mit diesen Entwicklungen kaum mit. 7 Prozent der Haushalte im ländlichen Bereich haben keine Internetverbindung. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung verfügt nicht einmal über digitale Basiskenntnisse. Lange Zeit galt die Insel als "Armenhaus Europas", geprägt von der Unterdrückung durch Großbritannien und der großen Hungersnot Mitte des 20. Jahrhunderts.

Heute zählt Irland zu den digitalen Hot-Spots in der Europäischen Union und beherbergt die Headquarters global erfolgreicher Konzerne wie Apple, Microsoft, Alibaba, LinkedIn oder Facebook. Aus dem Armenhaus wurde das Wirtschaftswunder namens "Keltischer Tiger", der sich durch Direktinvestitionen aus den USA prächtig entwickelte. Beinahe alle großen digitalen Konzerne eroberten den europäischen Markt von Irland aus. Die Insel wurde zu einer Spielwiese für Immobiliengeschäfte und letztendlich zu einer Immobilienblase, die das Land vor 10 Jahren in eine Krise schlittern ließ. Der Tiger ist wieder zu Kräften gekommen und Irlands Wirtschaft zählt heute zu einer der prosperierenden in der EU. Das Bruttomonatseinkommen lag im Jahr 2014 bei 4000 Euro, in Österreich waren es 3 000 Euro, 2016 wies Irland ein Bruttoinlandsprodukt von 58 800 Euro je Einwohner auf, Österreich brachte es auf 40 400 Euro.

Digital Hub: Innenraum

Und Irland liegt auf Platz 8 im Digitalindex der Europäischen Kommission. Vor allem bei der Integration digitaler Technologien kann sich das 4,8 Millionen Einwohner zählende Land mit Dänemark, Belgien oder die Niederlande messen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen und dem Grad der Digitalisierung eines Landes. Je höher der Digitalisierungsgrad eines Landes, desto höher das Wohlstandsniveau.

Es war ein hoher Preis, den die Iren für die rasche wirtschaftliche Rekonvaleszenz und ihre starke Wirtschaftsleistung zu bezahlen hatten. Senkungen von Gehältern und Pensionen im öffentlichen Dienst, eine Anhebung des Rentenalters auf 68 Jahre bis 2028 sowie die Lockerung des Kündigungsschutzes, die Reduktion von Sozialleistungen und eine Anhebung der Mehrwertsteuer. In den Krisenjahren haben viele gut ausgebildete Menschen das Land verlassen. Um diesen Brain-Drain zu stoppen, setze die irische Regierung darauf, neue Arbeitsplätze im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien zu schaffen. Wo ginge das auch besser als in einem Land, in dem die Big Player der Branche ihre europäischen Headquarters haben. Sie alle profitieren von der niedrigsten Körperschaftssteuer in der EU von gerade einmal 12,5 Prozent, in Österreich liegt diese bei 25 Prozent.

Doch der Druck der EU-Kommission auf Irland steigt. Insgesamt 13 Milliarden Euro muss das Land laut EU-Beschluss vom Großkonzern Apple eintreiben. Bislang waren es jedoch nur Lippenbekenntnisse, die die irische Regierung dazu abgab. Dass Apple und Co die Insel auch trotz höherer Besteuerung nicht verlassen würden, darüber war man sich bei einem internationalen Kongress zum Thema "Irland und die neuen Schwellenmärkte" im Oktober in Dublin einig. Es sei nicht nur die steuerliche Situation, die diese Konzerne im Land hält. "Die englische Sprache, die vielen gut ausgebildeten Menschen und die Verbindungen in die USA sind die Gründe dafür, dass sie alle hier sind", erklärt ein Leiter eines Unternehmens für Datensicherheit in Nordirland.

Dublin zählt zu den 5 größten Märkten bei Data

Dublin zählt schon jetzt zu den 5 größten Märkten im Bereich Big Data - nach London und Amsterdam und vor Frankfurt und Paris. Kaum ein Konzern wird seinen Standort von Irland in die Slowakei verlegen, wo es ebenfalls eine niedrige Steuerquote gibt, jedoch das Bildungsniveau nicht mithält. Seit dem Jahr 1997 arbeitet das Bildungsministerium nämlich daran, Informations- und Kommunikationstechnologien im irischen Schulsystem zu etablieren. Im Jahr 2015 wurde für die nächsten 5 Jahre eine Digitale Strategie für das Schulsystem ausgearbeitet, die auch eine Neuausrichtung der Curricula beinhaltet. In diesem Jahr wurden dafür 30 Millionen Euro an Zuschüssen gewährt.

Eurotours in Irland

 

Autorin: Martina Pock
Medium: Wiener Zeitung
Eurotours-Ziel: 2. bis 6. Oktober 2017 (Italien)

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