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Digital und ganz modern?

Der Vatikan ist eine ehrwürdige Institution. Mit Frauen und modernen Medien hat er wenig am Hut. Oder ist das nur ein Vorurteil? Einige "Vatikanistas" geben Auskunft.

Christine Grafinger © Michaela Greil/MIG-Pictures e.U.

Ein Beitrag von Michaela Greil (Welt der Frauen) für eurotours 2017

Gemeinschaft braucht Kontakt

Die Wienerin Mariella Kraus (34) ist Marketingexpertin und bloggt als "Die Römerin".

Die meisten Kirchen in Rom haben eine Website mit Informationen zu Gottesdiensten, Veranstaltungen und sozialen Projekten. So zieht man auch auf diesem Weg Menschen an. Sogar auf Youtube gibt es mittlerweile Videos, die Teile der Bibel zusammenfassen, die Bedeutung der Sakramente erklären. Einige davon sind etwas verstaubt, andere jedoch anschaulich erklärt und modern. Meiner Meinung nach ist das im modernen Zeitalter ein guter Ansatz. Aber keine Form der Digitalisierung kann die Menschlichkeit ersetzen.

Wer soll für wen da sein?

Christine Maria Grafinger (65) aus Oberösterreich ist Handschriftenexpertin der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek.

Kardinal Sarah hat ein tolles Bild von der Kirche. Er sagt, sie sei in einem schlechten Zustand. Das liege an verschiedenen Faktoren: weil man zu materialistisch sei, zu wenig auf andere Rücksicht nehme. Die Kirche soll für den Menschen da sein und der Mensch für die Kirche, würde ich sagen. Die Kirche soll dem Menschen eine Lebenshilfe geben und eine Gemeinschaft bieten. Er soll sich zur Kirche zugehörig fühlen. Einen multimedial aktiven Papst brauchen wir, weil er mit der Zeit gehen muss, sonst erreicht er einen Großteil der Menschen nicht. Die Digitalisierung haben wir aber auch in der Bibliothek forciert, um viele Handschriften ins Netz zu stellen und der Welt bekannt zu machen.

Kreativität ist gefragt

Sr. Maria Lourdes Santos (Marides) (50) stammt von den Philippinen und ist Kommunikationsmanagerin der Kongregation der Steyler Missionsschwestern.

Wir koordinieren vieles online, treffen uns aber auch in Rom. Wir haben regelmäßige Publikationen der Kongregation: Newsletter, externe Kommunikation, Print- und Onlineprodukte wie Website, Facebook-Seite und das interne Kommunikationssystem. Wir versuchen, unsere Schwestern trotz regional bedingter technischer Unterschiede mit den modernen Technologien vertraut zu machen. Manchen fällt das Lernen von neuen Technologien schwerer als anderen. Wir können die Digitalisierung nicht abwenden. Sie ist hilfreich in der schnelllebigen Zeit und fördert die Kreativität.

Die Verantwortung im Netz

Die Deutsche Sr. Miriam Altenhofen  (56) ist Mitglied der Generalleitung der Steyler Missionsschwestern.

Wir nutzen Clouds und Kommunikationsmittel wie Facebook, Skype und Whats-App. Es gibt aber die tägliche Flut an Informationen. Ich sehe ein Problem in der ethischen Dimension: Wonach wähle ich aus, was ich lese und ansehe? Wie leicht kann man an pornografische oder gewaltvolle Inhalte gelangen? Ich glaube, es braucht eine Entwicklung des Verantwortungsbewusstseins. Cybermobbing ist eine weitere Gefahr. Aufgrund der Anonymität passiert Mobbing im Internet schneller als im direkten Kontakt. Wir müssen reflektiert an die Sache herangehen. Selbiges gilt für Fake News. Wie kann ich wissen, was ein Fake ist und was echt? Das ist eine große Herausforderung. Und wie komme ich in dieser Hektik zur Ruhe, um spirituell in die Tiefe gehen zu können? Man läuft Gefahr, oberflächlich zu werden und selten zu sich selbst zu kommen.

Frauenfragen sind heikel

Gudrun Sailer (47) aus Niederösterreich ist seit 15 Jahren Redakteurin bei "Radio Vatikan" und forscht zu Frauen im Vatikan und in der Kirche.

Gudrun Sailer © Michaela Greil/MIG-Pictures e.U.

In die Digitalisierung müssen wir als Vatikan erst hineinwachsen. Klar ist, dass in einer katholisch inspirierten Form von Kommunikation Menschen und Menschlichkeit unersetzbar sind. Authentizität schafft man durch Gesichter und Namen. Viele Leute nehmen Papst Franziskus als besonders authentisch wahr. Und er ist kreativ in seiner Art zu kommunizieren: Er hat ein Talent, alte Glaubensinhalte so zu bebildern, dass sie unerhört wirken. Er lässt Taten und Gesten sprechen, er berührt die Menschen, oft im Wortsinn. Zu den Zeichen der Zeit gehören die Fragen vieler Frauen: "Wo sind wir? Wo geht es hin?" Bei uns in Westeuropa stellen sich manche Frauen diese Fragen leider gar nicht mehr und wenden sich enttäuscht ab. Ich frage mich, warum das die Weltkirche nicht viel mehr bekümmert. Franziskus hat wenigstens das Problem erkannt und Öffnung signalisiert. Im Vatikanstaat gibt es keine Plattformen für Frauenförderung, so etwas würde für viele – Männer wie Frauen – fast unmoralisch wirken, denn "Karriere" ist kein gutes Wort im Vatikan. Vielleicht ist es sinnvoller, das Frauenthema ganz gelassen präsent zu halten. "Geschlechterkampf" führt nicht zum Ziel.

Hintergrundinformation

Im Vatikan arbeiten circa 750 Frauen. Etwa 20 Prozent der päpstlichen Belegschaft sind weiblich und meist in gehobenen Diensten tätig. Digitalisierung bedeutet für die Kirche, Botschaften für viele Menschen zugänglich zu machen, noch mehr Menschen zu erreichen. Es lässt sich eine Parallele zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) ziehen, denn damals wurde veranlasst, dass Glaubensinhalte für die Bevölkerung in deren Muttersprachen übersetzt werden. Ein twitternder Papst Franziskus I. im TED-Talk, monatliche Videobotschaften im Netz und Glaubens-Apps sind vielen Menschen weltweit bekannt. 

Michaela Greil © Monika Greil-Payrhuber

Eurotours in den Italien

Autorin: Michaela Greil 
Medium: Welt der Frauen
Eurotours-Ziel: 29. August bis 2. September 2017(Italien)

Digital und ganz modern? (PDF, 1422 KB)

Weitere Beiträge der Autorin:
Digitalisierung: Papst reformiert seine Medien

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