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Digitalisierung und Integration in Schweden

Digital und flüchtlingsfreundlich. Schweden, ein Land im Norden Europas, das nicht nur als Pionier in der Digitalisierung gilt, sondern auch das Land das, gemessen an der Bevölkerungszahl, die meisten Flüchtlinge in Europa aufgenommen hat. Nermin Ismail berichtet aus Schweden, inwiefern die Digitalisierung bei der Integration tausender Geflüchteter eine Rolle spielen kann.

(Radiobeitrag von Nermin Ismail auf Youtube anhören.)

Ein Beitrag von Nermin Ismail (Ö1) für eurotours 2017

Transkript des Radiobeitrags

Sprecherin: Der Hauptbahnhof in Stockholm, Menschen gehen in allen möglichen Richtungen durch die Bahnhofshalle. In der Halle hängt die Werbung einer Kosmetikfirma. Sie zeigt eine blonde Frau, eine schwarze und eine mit Kopftuch. Insgesamt fühle man sich hier willkommen, erzählt der Syrer Amjad Chamma. Im November vor 3 Jahren ist er in Schweden angekommen. Heute arbeitet er in einem Zentrum für die Wiederverwertung von elektronischen Geräten. Dennoch sei es schwer. In Schweden sei vieles anders. Anders als daheim.

Amjad Chamma, syrischer Flüchtling in Schweden: Es ist sehr kalt hier. Der Tag ist sehr kurz. Das ist ein Problem, das wirkt sich auf uns aus. Das war sehr schwierig. Die Menschen, die sind sehr liebenswert und freundlich. Ich hatte nie ein Problem rassistischer Natur, weder verbal noch in meinen Interaktionen. Ich bewerbe mich oft, aber bekomme nichts. Manche meinen, der Grund ist Rassismus, aber ich denke nein, es ist Glückssache.

Sprecherin: Amjad ist ein Optimist. Der 33-Jährige spricht fließend Schwedisch. Er studierte in Großbritannien Business Administration und ging 2011 zurück nach Syrien. Doch dort herrscht seither Krieg. Nachdem er versucht hatte, in Jordanien und in der Türkei zu arbeiten, fasste er den Entschluss nach Schweden zu flüchten. Sich einzuleben und zu integrieren ist aber trotzdem nicht einfach, erklärt er. Nicht nur die Sprache, auch die Lebensweise, die Bürokratie und die nur losen sozialen Kontakte, würden es erschweren.“

Amjad Chamma: Die Wartezeiten sind sehr lang. Wer neu hierherkommt, wartet ein Jahr. Ich habe 11 Monate gewartet. Ich habe mich bemüht, meine Nerven nicht zu verlieren. Ich hatte Depressionen und Angst vor der Zukunft. Die Orte, wo Flüchtlinge unterkommen, sind sehr weit von der Stadt. Der Mensch, der hier ankommt, muss sich in die Gesellschaft integrieren, nah sein, die Bevölkerung darf keine Angst vor ihm haben, aber er darf nicht isoliert sein. Ich kenne Menschen, die wollten helfen beim Schneeräumen, aber es hieß nein es geht nicht, ihr braucht eine Versicherung und Kurse und so weiter.

Sprecherin: Während des Interviews nimmt Amjad sein iPhone mehrmals in die Hand. Er verlängert seinen Parkschein, schickt seinem Freund Geld oder schaut, ob er Post von den unterschiedlichen Behörden erhalten hat. "Hier ist alles digital", erklärt er. Unterschiedliche Applikationen erleichtern seinen Alltag. Auch sie waren es, die dazu beigetragen haben, dass er in Schweden ein neues zu Hause gefunden hat.“

Amjad Chamma: Es gibt eine App, die heißt "Duolingo", die hilft dir die Sprache zu lernen. Vor allem, wenn man abends nach der Arbeit heimkommt, sich hinlegt, das Handy hat man immer in der Hand. Das hilft sehr. Die Investition in solchen Möglichkeiten ist toll und sie haben eine gute Zukunft. Das schwedische Fernsehen hat eine App, eine Nachrichtensendung heißt "letsvenska", Nachrichten in einfacher Sprache. Sprookplay ist auch super. Es zeigt dir die Sendungen, die in einfacher Sprache sind. Da arbeitet auch ein Syrer mit ihnen. Das ist eine tolle App. Eine große Chance für den Menschen, sich zu integrieren, das Land zu kennen, die Sprache zu lernen, Arbeit zu suchen. Das ist sehr wichtig.“

Sprecherin: Internationale, nationale, lokale Nachrichten mit Untertiteln. Berührt man gewisse Wörter, die man nicht kennt, erscheint die Übersetzung in Arabisch, Farsi und anderen Sprachen. Der 33-jährige Syrer ist fasziniert von der Welt der Applikation und den digitalen Möglichkeiten in Schweden.

Eine Studie der Internet-Stiftung in Schweden hat gezeigt: 91 Prozent der Bevölkerung sind regelmäßig online, drei Viertel der 10 Millionen Schweden besitzen ein Smartphone und 70 Prozent erledigen die Steuererklärung digital. Als erstes Land der Welt möchte Schweden sogar das Bargeld bis 2030 abschaffen.

Gunnar Wettergren forscht und lehrt an der Stockholm University zum Thema Digitalisierung. Er ist Vize-Direktor des "egovLab".

Büro von egovLab © Nermin Ismail

Gunnar Wettergren, Vize Direktor von "egovLab": Der Fokus liegt momentan auf der Zusammenarbeit. Wie können wir die Bürger und die Behörden zu einer Zusammenarbeit bringen, um Dienste anzubieten, die aus der Sicht des Bürgers Sinn ergeben. Behörden in ganz Europa und der Welt neigen dazu, zu vergessen, dass sie für den Bürger existieren. Wenn sie also kein Mehrwert für mich als Individuum haben, dann kann es schwierig werden. Um das sicherzustellen, binden wir die Bürger in die Herstellung der Dienstleistungen ein, auch die Firmen und die Wissenschaft. Das ändert die Dynamik drastisch, und das versuchen wir hier in "egovLab" - dem Staat zu helfen sich in einer sensiblen Art zu digitalisieren.“

Sprecherin: Das beste Beispiel für digitalisierte Leistungen sei die digitale Steuererklärung. Jeder steuerpflichtige Bürger füllt online ein Formular aus, unterschreibt es am Handy oder am PC und hat somit eine der lästigen Pflichten in wenigen Sekunden erledigt. Die Abschaffung von Bargeld sei eine Frage der Zeit, meint Wettergren. Denn schon heute zahlt kaum jemand mehr in bar. Auch wenn Schweden weltweit führend in der Digitalisierung ist, gibt es einige Herausforderungen wie etwa die veraltete Struktur der Behörden.

Gunnar Wettergren: Es gibt eine digitale Agenda und einen politischen Willen. Aber man muss bedenken, Schweden ist ein altes Land mit einer langen Geschichte der Verwaltung. Behörden sind sehr autonom. Sie können selbst entscheiden, was sie tun. Die Kontrolle der zentralen Regierung ist, wenn es um Entscheidungen geht, sehr schwach verglichen mit Norwegen oder Dänemark, wo es eine sehr starke zentrale Kraft in der IT-Investition gibt. Wir haben das nicht. Manche Behörden hinken hinterher, andere sind schneller. Aber die Investitionskosten wären viel effizienter, wenn wir eine gleichmäßige Unterstützung von Seiten der Regierung hätten.

Sprecherin: Die maximale Datentransparenz habe in Schweden Tradition. "Skatteverket", das schwedische Finanzamt, macht es jedem Bürger möglich, das Einkommen anderer – auch von Privatpersonen - einzusehen. Hier gilt das sogenannte Öffentlichkeitsprinzip, nachdem alle Bürger Einblick in die Arbeit des Staates haben sollen. Zu den Behördenvorgängen, die eingesehen werden können, gehören auch die Steuerunterlagen. Doch was ist es mit dem Datenschutz? Das sei eine der größten noch ungelösten Hindernisse der Digitalisierung, doch es sei eine EU-weite Lösung notwendig, so Wettergren.

Gunnar Wettergren: Es scheint momentan einen Konsens darüber zu geben, dass der Besitz der Information dem Bürger obliegt. Sollte also ein Arzt die Gesundheitsdaten einer Person sehen wollen, erhalte ich eine SMS mit der Frage, ob das in Ordnung für mich ist. Es wäre also eine Option. Das heißt ich gewähre Zugang, wenn jemand Zugang möchte. Das ist noch nicht erreicht, da wird es noch viele rechtliche Diskussion geben. Vor allem auf EU-Ebene. Es ist ein zentrales Thema und es ist das, was die Digitalisierung stoppt.

Sprecherin: Digitalisierung habe aber auch Schattenseiten. Sie mache eine Gesellschaft komplexer und verlangt von Neuankommenden mehr Fähigkeiten, um darin zu funktionieren. Digital Literacy wird somit zur Bedingung, um in Schweden anzukommen. Diese digitalen Fähigkeiten bringen aber die meisten Geflüchteten mit. Viele Start-Ups versuchen sich der Aufgabe der Integration von Flüchtlingen zu widmen. Spotify, Skype, Candy Crush: Schweden hat einige der erfolgreichsten Start-ups der Welt hervorgebracht. Es ist das Land mit den zweitmeisten Start-Ups weltweit, sagt der Experte.“

Gunnar Wettergren: Ich bin mir sicher, wir werden viele Start-Ups sehen und Initiativen der Regierung, die die Frage stellen: Wie können wir die Technologie für die Integration nutzen? Es gibt einige Bereiche, wo die Digitalisierung eine Rolle spielen kann. Etwa bei der Bildung – man kann sie als eine Unterstützung verstehen.

Sprecherin: Einer dieser Start-Ups ist die "WelcomeApp". 2015 startete ein schwedisches Paar die Applikation, um eine Plattform zu schaffen, die Einheimische mit Flüchtlingen verbindet. Heute – 2 Jahre später – hat diese Initiative eine Förderung erhalten und beschäftigt nun 6 Personen. Viele wollten in dieser Zeit helfen. Doch nur wenigen gelang etwas Langfristiges, so die Mitarbeiterin der "WelcomeApp" Laura DeClerq.

Laura DeClerq, Mitarbeiterin der "WelcomeApp": Was am meisten gebraucht wurde, war eine Beziehung zu den Einheimischen. Es gab viele Menschen, die spenden wollten: Geld, Essen und Kleidung. Aber es gab viel weniger Kontaktpersonen, die einfach da waren, um für eine Stunde zu plaudern. Die App funktioniert so: Flüchtlinge können Fragen stellen, diese werden 5 Einheimischen geschickt. Die Fragen werden nach gemeinsamen Interessen und Beruf gebündelt. Weil wir Menschen zusammenbringen wollen, die als soziales Netzwerk dienen können. Das ist der Weg, um Integration und Inklusion zu fördern.

Sprecherin: Barrieren senken, sowohl für Schweden, die nicht wissen, wie sie Kontakt mit Geflüchteten aufbauen sollen, als auch für Flüchtlinge, die noch niemanden kennen. Die "WelcomeApp" bietet seit Neuestem aber auch Kurse etwa in den Bereichen Schwedisch, Karriere, Gesellschaft und Kultur. Damit Menschen, die nicht arbeiten dürfen und warten müssen, ihre Zeit nutzen können. An die 10 000 Geflüchtete und 20 000 Schweden verwenden die App mit dem Slogan: "Integration in deiner Hand". Doch die Bekanntschaft soll nicht nur virtuell bleiben.

Laura DeClerq: Wenn du willst, kannst du die Person auf eine Fika einladen. Das ist ein Kaffeeplausch. Das ist eine sehr informelle schwedische Sache, wo man eine halbe Stunde Kaffee trinkt und Süßes isst. Es ist eine Ausrede für eine Pause. Oder man lädt zu einer dieser Aktivitäten ein, wo man neue Leute kennenlernen oder sich treffen kann und das in einer geschützten Atmosphäre.“

Sprecherin: So haben sich Hiba und Vivica vor einem Jahr kennengelernt.

Vivica, Juristin aus Stockholm: Ich habe mit mehreren Leuten gechattet. Dann sah ich eine Frau, die schrieb sie ist Juristin und aus Syrien. Und dann dachte ich mir: Sie ist auch Juristin und eine Frau. Weil die meisten auf der App sind ja Männer, und ich schrieb ihr: Hallo, wollen wir Kaffee trinken? Und sie antwortete, ich sei sehr lustig und nett. Ja, gehen wir Kaffee trinken. Wir wurden sehr schnell Freunde.“

Sprecherin: Hiba wurde zuerst in einer Ortschaft weit von Stockholm untergebracht. Als sie in der Hauptstadt ankam, fühlte sie sich sehr einsam und fing an, digital Freunde zu suchen, aber auch schwedisch zu lernen. Versteht man den Sinn der App, sei es einfach, diese zu verwenden.“

Hiba, syrische Juristin: Ich versuche oft, Apps zu verwenden, weil sie sehr nützlich sind und sinnvoll. Ich habe auch die App vom schwedischen Fernsehen verwendet und das hat echt einen Unterschied gemacht.

Sprecherin: 36 920 "digital handshakes" verzeichnet die Welcome App, Menschen, die über die App Kontakt aufnahmen. Hiba und Vivica studierten nicht nur dasselbe. Beide sind 37 und Single. Ihr Vorhaben: Sprachkenntnisse austauschen und die Kultur des anderen verstehen. Vivica kann aber auch von Missverständnissen berichten.

Vivica: Wir wollten zu einem Konzert und ich sagte fahren wir doch mit dem Rad und Hiba meinte: Ja, ich kann es versuchen. Und meine ganze Familie fragte: Was du kannst nicht Radfahren? In Schweden gehen wir davon aus, dass jeder Fahrradfahren kann.

Hiba: Aber nicht in Syrien.

Sprecherin: Die "WelcomeApp" möchte aber auch berufliche Perspektive bieten. Das Problem vieler Flüchtlinge ist: Auch wenn sie hochqualifiziert sind, haben sie kaum Kontakte und Referenzen. Gemeinsam mit Hiba und einer weiteren Freundin entwickelte Vivica eine weitere App mit dem Namen "WelcomeLaw", um geflüchteten Juristinnen ein berufliches Netzwerk zu bieten. Seit einigen Monaten arbeitet Hiba in einer Firma in Stockholm.

Hiba: Es war nicht unsere Wahl herzukommen, aber da wir jetzt da sind, müssen wir etwas erreichen. Die App war für mich wichtig, weil ich viele Menschen kennengelernt habe. Vivica und andere Anwälte und Journalisten haben mir Tore geöffnet in Schweden. Sie haben mir die Gesellschaft von innen gezeigt und ich habe mich nicht mehr alleine gefühlt, als hätte ich eine Familie um mich.

Sprecherin: Etwa 500 Kilometer von Stockholm entfernt, in Göteborg, befindet sich der Sitz der erfolgreichsten digitalen Initiative für Migrantinnen und Migranten. "Mobilearn"- eine Erfolgsgeschichte. Eine Plattform, die den Menschen die wichtigsten Informationen digital zur Verfügung stellt. Ernest Radal und seine Kollegen hatten die Idee schon 2010.“

Ernest Radal, Erfinder von "Mobilearn": Eine offene Datenbank der Regierung in unterschiedlichen Sprachen übersetzt, sodass alle Migranten und Flüchtlinge Zugang zu den Informationen haben und somit ermächtigt werden, sich schneller zu integrieren. Es ist ein Werkzeug zur schnelleren Integration. Wir sammeln Informationen der 13 größten schwedischen Behörden: Migrationsbehörde, Sozialversicherung, Polizei und so weiter. Wir sammeln sie und verpacken sie in einen einfachen Führer.“

Sprecherin: "Wie kann ich Anzeige erstatten? Was mache ich, wenn mein Kind krank ist?" Alles Fragen, die "Mobilearn" beantworten kann. Wenn Menschen nach Schweden kommen, erhalten sie von der jeweiligen Kommune eine Lizenz, um "Mobilearn" kostenlos zu nutzen. Die unterschiedlichen Lokalverwaltungen zahlen dafür. Lokale und nationale Informationen werden stets aktualisiert. Heute zählt "Mobilearn" 25 000 Nutzerinnen und Nutzer. 160 Städte arbeiten bereits mit "Mobilearn", so Ernest Radal.

Ernest Radal: Zu Beginn als wir "Mobilearn" entwickelt haben, wussten wir, wir müssen mit dem Kunden also der Regierung zusammenarbeiten, aber auch mit dem Nutzer, der Migrant oder Flüchtling ist. Diese 2 Teile sind von Beginn an Teil der App gewesen.

Sprecherin: Um Vertrauen zu schaffen, wird "Mobilearn" oft auch im Schwedischunterricht verwendet. In Schweden neu Angekommene wissen, dass sie "Mobilearn" brauchen.“

Ernest Radal: Diese 2 Faktoren sind sehr wichtig: das Vertrauen und der Versuch, eine praktische Anwendung des digitalen Werkzeugs zu finden. Das haben wir geschafft und wir sind sehr stolz darauf.

Sprecherin: Auch der 33-jährige Amjad nutzt "Mobilearn" regelmäßig. Vielleicht wird auch er eines Tages eine digitale Lösung für die diversen Herausforderungen in Sachen Integration finden. Denn so wie sich die Herausforderungen mit der Zeit ändern, werden sich auch die digitalen Antworten neu erfinden lassen müssen. Klar ist: Schweden hat gute Voraussetzungen für digitale Innovation und Integration.

Gesprochen von Cornelia Krebs.

Eurotours in den Schweden

Andreas Müller © Andreas Müller

Autorin: Nermin Ismail
Medium: Ö1
Eurotours-Ziel: 31. August 2017 bis 6. September 2017 (Schweden)

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