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Edith Hofer: "Für mich hat der EU-Beitritt persönlich sehr viel gebracht"

Die Juristin ist als Energie-Expertin für die EU-Kommission tätig.

Edith Hofer

Kurzlebenslauf:

Aufgewachsen bin ich in Kirchberg/Donau im schönen Mühlviertel (Oberösterreich). Ich studierte Rechtswissenschaften an der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Von 1997 bis 2001 arbeitete ich dort als Universitätsassistentin. Im Anschluss an ein einjähriges Postgraduate-Studium in London begann ich als Mitarbeiterin der Rechtsabteilung des österreichischen Energieregulators, Energie-Control, und war dort vor allem für Wettbewerbsfragen zuständig. Im letzten Jahr meiner Tätigkeit für E-Control bin ich nach Brüssel gekommen und war dem Büro des Council of European Energy Regulators(CEER) zugeteilt. Von Oktober 2004 bis November 2007 arbeitete ich als Adviser (Beraterin, Anmerkung der Redaktion) bei EURELECTRIC, dem Dachverband der Europäischen Elektrizitätsindustrie. Danach ging es zurück zur E-Control, deren Interessen ich als Expertin für europäische Fragen in Brüssel vertreten habe. Das 3. Energieliberalisierungspaket war das zentrale Thema meiner Arbeit. Seit Jänner 2011 arbeite ich in der Generaldirektion Energie der Europäischen Kommission, zuerst im Bereich Binnenmarkt, seit November 2012 als Assistentin des Generaldirektors für Energie.

Österreich hat durch den EU-Beitritt gewonnen – wirtschaftlich, kulturell, politisch

Österreich hat sich seit 1995 stark verändert, aber ich denke nicht notwendiger Weise nur wegen des EU-Beitritts Österreichs, sondern vor allem wegen der Öffnung der Grenzen und der EU-Osterweiterung. Österreich hat dadurch sehr stark profitiert, wirtschaftlich, kulturell und vielerlei anderer Hinsicht. Für mich hat der EU-Beitritt persönlich sehr viel gebracht. Es hat mir das Studieren im Ausland erleichtert (in meinem Fall war es ein Postgraduate-Studium in London). Es hat mir die Möglichkeit gegeben, im EU-Ausland zu leben, ohne viele Hindernisse überwinden zu müssen, und hier auch einfach einen Job zu finden (ich habe die ersten 7 Jahre in Brüssel nicht in den EU-Institutionen gearbeitet). Es erleichtert erheblich das Reisen, nicht nur wegen der weggefallenen Grenzkontrollen in großen Teilen der EU, sondern auch, weil man sich das leidige Geldwechseln ersparen kann. Alle diese und noch viel mehr Dinge wären ohne den EU-Beitritt nicht oder nicht so einfach möglich gewesen.

In der EU gibt es immer wieder neue Herausforderungen

Integration war die größte Herausforderung der Vergangenheit und ist auch die größte Herausforderung der Zukunft. Dies bedeutet nicht neue Erweiterungen, sondern Integration nach innen. Die EU hat sich im letzten Jahrzehnt sehr schnell ausgedehnt. Jetzt ist es an der Zeit, diese Erweiterung zu vertiefen. Eine "EU der 2 Geschwindigkeiten", die zwar teilweise schon Realität ist, muss so weit als möglich verhindert werden. Die endgültige Überwindung der Wirtschaftskrise ist auch eine Herausforderung, der wir uns dringend stellen müssen. Diese Krise hat auch neue Herausforderungen an die EU gebracht: Wie gehen wir mit der hohen (Jugend-)Arbeitslosigkeit um? Was würde wirklich passieren, wenn ein Mitgliedstaat nicht mehr im Euro bleiben will? Wie können wir eine Verbesserung des Lebensstandards in den ärmeren Mitgliedstaaten unterstützen? Aber auch Fragen wie der immer wieder angedrohte Austritt des Vereinigten Königreichs, neue Krisen oder politische Kursänderungen in den Mitgliedstaaten führen zu immer wieder neuen Herausforderungen.

Ein Job in Brüssel – eine Chance, die ich mit Begeisterung genutzt habe

Brüssel als Arbeitsplatz hat mich schon seit meinem Studium interessiert. Ich habe auch bald nach dem EU-Beitritt Österreichs meinen ersten Concours (Aufnahmetest für die EU-Institutionen) mitgemacht, diesen aber stark unterschätzt. Als ich 2003 die Möglichkeit hatte, für meinen damaligen Arbeitgeber "nach Brüssel zu gehen", habe ich diese Chance sofort mit großer Begeisterung angenommen. Ich habe hier in Brüssel verschiedene Jobs im Bereich Lobbying/Interessenvertretung, immer in der Energiebranche, gemacht, bevor ich Anfang 2011 als sogenannte Nationale Expertin in die Kommission gegangen bin. Da ich aber 2010 wieder einen Anlauf beim Concours genommen und diesen auch bestanden habe, bin ich nunmehr seit November 2011 als Beamtin in der Kommission tätig. Das Besondere an einer "europäischen" Karriere ist für mich die Möglichkeit, mit Leuten aus verschiedenen Nationen, mit verschiedenen Hintergründen, mit unterschiedlichen Herangehensweisen zusammenzuarbeiten. Wenn ich noch einmal anfangen würde, würde ich mich definitiv wieder für einen Job bei der EU entscheiden. Ich würde mich allerdings viel früher und stärker darum bemühen, einen Concours zu bestehen, um in die Kommission zu kommen. Letzteres vor allem auch deshalb, weil es einfacher ist, wenn man hier in einem frühen Karrierestadium beginnt.

Assistenz eines Generaldirektors in der EU-Kommission: Schnittstelle zwischen den Ebenen

Als Assistentin eines Generaldirektors in der Kommission ist man oft "Mädchen für alles", aber ohne viel in die Tiefe der Themen einzudringen. Ich sehe mich als Puffer zwischen den Hierarchieebenen, als Unterstützung für den Generaldirektor, aber auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Generaldirektion, einfach als Schnittstelle zwischen den Ebenen. Es ist deshalb schwierig, einen typischen Tagesablauf zu beschreiben. Klar ist, dass mein Tagesablauf sehr stark fremdbestimmt ist und es sehr darauf ankommt, was gerade aktuell und wichtig ist. Viele Fragen beschäftigen sich mit strategischen Entscheidungen, Prozeduren, wie macht man was am besten, wer muss worüber informiert werden/sein, was ist die Meinung des Generaldirektors/des Kommissars usw. zu einem Thema, und viele ähnliche Fragen.

Eigenschaften für eine EU-Karriere: Offenheit, Toleranz, Sprachkenntnisse

Die wichtigsten Eigenschaften sind meiner Meinung nach Offenheit, Flexibilität und Toleranz. Dies sind Eigenschaften, die man in jedem Job braucht, in dem man mit Menschen anderer Länder, anderer Kulturen zusammenarbeitet. In der Kommission prallen da häufig die unterschiedlichsten "Welten" zusammen. Schaden tut auch nicht, wenn man eine gute Portion Geduld mitbringt. Und auch wenn es keine "Eigenschaft" ist: Sprachkenntnisse und Interesse für Sprachen und andere Kulturen gehören unbedingt dazu.

Brot aus Österreich ist bei jedem Besuch mit im Koffer

Brüssel ist nahe genug, um einfach einmal für ein Wochenende heimzufliegen. Nach mehr als 11 Jahren hier in Brüssel sehe ich Brüssel als meine zweite Heimat an. Wenn ich nach Wien fliege, fliege ich nicht nach Hause, das mache ich nur, wenn ich danach auch zu meinen Eltern nach Oberösterreich weiterfahre. Wenn ich aber aus Wien zurück nach Brüssel fliege, fliege ich nach Hause. Außer meiner Familie und meinen Freundinnen und Freunden vermisse ich vor allem das österreichische Brot. Das ist jedes Mal im Koffer, wenn ich zurück nach Brüssel fliege. Es ist mir aber sehr wichtig, mit den Menschen daheim in Kontakt zu bleiben, um die Bodenhaftung im "EU-Bubble" nicht zu verlieren und um immer wieder einmal einen "reality check" machen zu können.

Medien, Politik, Kommission: Aufholbedarf in der EU-Kommunikation

Ich empfinde das oftmals als sehr frustrierend und ärgere mich, dass die Menschen in Österreich nur die negativen Seiten der EU wahrnehmen, aber nicht sehen, was ihnen die EU bringt bzw. schon gebracht hat. Alle guten Sachen sind selbstverständlich, an den "negativen" Sachen ist "Brüssel" Schuld. Da sind aber auch die (österreichischen) Politikerinnen und Politiker in die Pflicht zu nehmen: Es kann nicht sein, dass man – wenn man schwierige Dinge umsetzen muss – immer auf Brüssel schimpft, dann aber – wenn es positiv ist – "ich" (Politikerin, Politiker) etwas für "dich" (Bürgerin, Bürger) in Brüssel erreicht habe. Die gleichen Politikerinnen und Politiker haben im Großteil der Fälle auch bei den schwierigen Rechtsakten mitgestimmt und den Vorschlag unterstützt. Frustrierend finde ich auch, wenn man in den Medien immer wieder die Sachen verdreht liest. Aber da müssen wir uns in der Kommission selbst bei der Nase nehmen und besser kommunizieren, insbesondere auch direkt mit den Bürgerinnen und Bürgern in den Mitgliedstaaten. Da haben wir noch einen Aufholbedarf.

Österreicherinnen und Österreichern die EU näher bringen: Wie kann das gelingen?

Das ist für mich die 1-Millionen-Euro-Frage, die ich mir auch manchmal stelle. Einige Ideen:

  • Eine bessere Kommunikation und Information, insbesondere auch von Meinungsträgern, Journalistinnen und Journalisten, von Seiten der Kommission
  • Ausweitung von Programmen wie "Back to school" auch auf Menschen, die nicht mehr zur Schule gehen.
  • EU-"Botschafterinnen" und –"Botschafter" einsetzen, das heißt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Institutionen zu schwierigen Themen in ihre Mitgliedstaaten schicken, um dort auch Informationen aus erster Hand zu ermöglichen
  • Und für jene, die an Mobilität interessiert sind, egal in welchem Alter, ihnen dies einfach und unbürokratisch zu ermöglichen, wie es zum Beispiel durch das erweiterte Erasmus-Programm möglich ist.

Der Arbeitsplatz von Edith Hofer

Die Juristin Edith Hofer ist Assistentin des Generaldirektors für Energie in der Europäischen Kommission. Die Generaldirektion mit Sitz in Brüssel zeichnet für die Entwicklung und Umsetzung einer europäischen Energiepolitik verantwortlich. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in mehreren Bereichen tätig: So entwickeln sie beispielsweise strategische Analysen und Politiken für den Energiebereich, fördern und lenken die Außenpolitik der EU im Bereich Energie und beobachten Entwicklungen auf dem Gebiet der Energietechnologie. Aufgabe der Generaldirektion Energie ist es zudem, die Umsetzung des bestehenden EU-Rechts zu überwachen und neue Gesetzgebungsvorschläge für den Energiebereich zu erstellen.

Europäische Kommission, Generaldirektion für Energie 

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