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Ein Land sucht sein Glück in der Nische

Lettland feiert 2018 sein hundertjähriges Bestehen. Das viertärmste Land der Europäischen Union setzt auf die Chancen der Digitalisierung.

Angler am Ufer der Daugava in Riga © Daniel Hadler

Ein Beitrag von Daniel Hadler (Kleine Zeitung) für eurotours 2017

Wer dem Digitalisierungsgrad der lettischen Wirtschaft und Gesellschaft nachspürt, könnte mit einem Basketballmatch beginnen. Der dominierende Verein der letzten Jahre in Lettland heißt VEF Riga und spielt wöchentlich in einer Halle für mehr als 10 000 Zuseher. Seinen Namen verdankt der 1919 gegründete Club einer Firma, die heute zwar nicht mehr existiert, aber jeder in der lettischen Hauptstadt kennt: Valsts elektrotehniskâ fabrika (VEF). Hier entstand einst, was die Sowjetunion an technischem Rüstzeug brauchte. Telefone, Kameras und geheime militärische Ausrüstung. Selbst kleine Sportflugzeuge sollen in den Backsteinhallen im Osten der Stadt produziert worden sein. Der Stolz der lettischen Arbeiterschaft überlebte das Ende der Sowjetunion nicht, 1999 sperrte VEF endgültig zu.

Lettland musste sich seit dem Sowjetende und der damit wieder erlangten Freiheit neu erfinden. Politisch, demografisch, aber auch wirtschaftlich. Die veraltete Sowjetindustrie hielt den neuen Marktbedingungen nicht stand und es brauchte nicht nur neue Arbeitsplätze, es brauchte auch neue Narrative. Estland erkannte im Baltikum am eindrucksvollsten die Digitalisierung als revolutionäre Chance, eine neue Geschichte zu erzählen und machte sich zum europäischen Digital-Vorzugsschüler und das eigene Land zur Marke: E-Estonia.

In Lettland hört das nicht jeder gerne. "Estland macht vieles gut, aber es steckt auch ein gutes Marketing dahinter", konstatiert Inese Murniece. vom IT-Cluster Lettland und verweist auf die agile Startup-Szene in ihrem eigenen Land. In einem Showraum, eingerichtet im Erdgeschoss des neuen 13-stöckigen Nationalbibliotheks-Kolosses am Ufer der Daugava in Riga, zeigte sie gerade einer Delegation aus Südkorea einige Splitter davon, was die lettische IT-Szene zu bieten hat: spezialisierte Übersetzungsprogramme, Sicherheitstechnik, Drohnentechnologie. "Unternehmen in Lettland müssen sich in Nischen festsetzen. Dort bauen sie das Wissen auf, bis sie auf den internationalen Märkten reüssieren können", erklärt Murniece. das Prinzip. Die Schwäche eines kleinen Marktes mit isoliertem Sprachraum soll zu seiner Stärke umgemünzt werden: Was hier im geschützten Raum entstehen kann, soll später das Exportvolumen des Landes anheben. Jüngere Unternehmen streben nach Europa und die USA, ältere pflegen häufiger enge Kontakte nach Russland. Die Digitalisierungswelle spürt auch die lettische Wirtschaft: Der Staat, der von der Weltbank in der Liste der unternehmerfreundlichsten Länder auf Platz 14 gereiht wird, verzeichnete im letzten Quartal ein Wachstum von 1,5 Prozent – der Spitzenwert in der EU.

Es klingt verlockend: Die Digitalisierung als Türöffner zur Welt und identitätsstiftendes Narrativ, das dem baumreichen Land eine Perspektive gibt. Der Weg dahin ist ein weiter: So verfügen trotz großer staatlicher Bemühungen erst die Hälfte der Letten über zumindest basale digitale Kenntnisse. Wer einen der schwersten Bremsklötze am Bein der lettischen IT-Wirtschaft sucht, wird in einem Lokal in der touristendurchströmten Innenstadt Rigas fündig. Goexanimo heißt die E-Sportbar, in der sich am Samstagvormittag Dutzende Jugendliche herumtreiben. Hier wird gezockt, gegeneinander und miteinander. Der Kellner hat sich längst festgelegt: "Die Zukunft des Sports ist virtuell, künftig wird sich niemand mehr um realen Fußball kümmern." Ob Lettland an dieser digitalen Zukunft teilhaben kann, wird auch davon abhängen, ob computeraffine Menschen wie jene in der E-Sportbar im Land bleiben. Die IT-Branche lechzt nach Arbeitskräften, während der Braindrain die  unausgebildeten und Talentierten dorthin abwandern lässt, wo Gehalt und Lebensqualität höher sind. Allein in Großbritannien wohnen 160 000 Letten. Das viertärmste Land der EU – Durchschnittslohn 691 Euro – leidet unter jahrelanger Emigration in Kombination mit einer geringen Geburtenrate. "Wer hier bleibt, ist der Blöde", erklärt einer der Jugendlichen in einer Spielpause mit einem Schulterzucken.

Was Lettland bewegt, findet oft andernorts, fernab vom hanseatisch geprägten Riga seinen Ursprung. Als 2007 die US-Immobilienblase die Weltwirtschaft aus der Balance warf, wurde der Baltenstaat mit voller Wucht getroffen. Nach Jahren der Prosperität im Schatten des 2004 erfolgten EU-Beitritts, fiel der "baltische Tiger" ab 2007 in eine massive wirtschaftliche Depression. Der Staat reagierte mit harten Sparmaßnahmen und die Arbeitslosigkeit stieg von 5,5 Prozent auf mehr als 20. Lettland erholte sich in den Folgejahren wieder, zuletzt sank die Arbeitslosigkeit auf unter 8 Prozent.

Im Jahr 2014 war es eine Krise gänzlich anderer Art, die das Land wiederum von außen erschütterte. Die Annexion der Krim durch Russland ließ in Lettland Ängste anwachsen, Russland könne seinen Einflussbereich auch in den Osten erweitern. Seither sorgen im Baltikum abwechselnde Militärübungen von Nato und Russland auf der jeweiligen Seite der Grenze für Spannungen.

Die nächste Welle von außen wird Lettland voraussichtlich am 29. März 2019 treffen. Ob der Brexit zur sanften Woge oder dem heftigen Wellenschlag wird, den viele Auslandsletten in Großbritannien befürchten, ist noch völlig offen und wird vom Verhandlungsergebnis zwischen London und Brüssel abhängen.

Im kommenden Jahr feiert Lettland, wie seine baltischen Nachbarn, das 100-jährige Bestehen. Motto: "Für den Wohlstand Lettlands." Über die Risse, die durch die kleine, aber komplexe Gesellschaft des Landes gehen, werden die ausladenden Festivitäten allerdings nicht hinwegtäuschen können. Einer dieser Risse manifestiert sich in einem violetten Pass, den jeder der knapp 240 000 sogenannten Nicht-Staatsbürger in Lettland besitzt – eine Steilvorlage für Russlands Kritik am lettischen Staat. Einzelne kremltreue Sender und Webseiten stellen diesen im Dauerlauf in Frage. Lettlands Emigrationsproblem beweise seinen Status als gescheiterter Staat – hier will niemand wohnen. Zudem würde die Diskriminierung russischsprachiger Letten zwangsläufig zu einem Bürgerkrieg führen. Der lettische Soziologie Martins Kaprans erkennt eine klare Strategie: "Es geht darum, Angst und Unsicherheit zu schüren." Auf die russische Einflussnahme wird teilweise harsch reagiert: Im Vorjahr wurde der russische Sender Rossiya RTR für 6 Monate gesperrt.

Kaprans verweist auf eine notwendige Differenzierung: "Es ist ein gängiger Irrtum lettische Russen als homogene Gruppe zu verstehen." Auch würde sich laut Umfragen nur ein marginaler Teil der Russen in Lettland diskriminiert fühlen. "Die prorussische Propaganda tut, was sie kann, um russische Letten davon zu überzeugen, dass sie bedroht werden. Aber die Realität sieht anders aus, es gibt keine ethnischen Konflikte", erklärt der Wissenschaftler. Bester Beweis der Vereinbarkeit einer russischlettischen Identität ist Rigas Bürgermeister Nils Uakovs, der über sich selbst sagt: "Ich bin ein Russisch sprechender Lette und Patriot meines Heimatlandes."

Als kleines Land betreibt Lettland eine Strategie gleichzeitiger Öffnung und Abschottung. Im Versuch die eigene Identität zu behaupten und wirtschaftlich zu bestehen, baut man auf die Chancen der Digitalisierung: Die im Herbst erfolgte Ansiedelung des ersten nordischen Microsoft Innovationszentrums in Riga ist einer von vielen nötigen Schritten auf diesem Weg. Ein Weg aus der Nische Europas, hinein in eine digitale Zukunft.

Eurotours in Lettland

Daniel Hadler © Daniel Hadler

Autor: Daniel Hadler 
Medium: Kleine Zeitung
Eurotours-Ziel: 25. bis 30. September 2017 (Lettland)

Ein Land sucht sein Glück in der Nische

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