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Früher die Rockband, heute das Start-up

Kaum wo ist die Start-up-Dichte so hoch wie in Estland. Skype hat den Erfolgsmotor 2003 angelassen und die Regierung will es Gründern so einfach wie möglich machen.

Telliskivi City © Julia Slamanig
Telliskivi City: Im ehemaligen Industrie-Viertel wirtschaftet heute die Kreativszene

Ein Beitrag von Julia Slamanig (Kleine Zeitung) für eurotours 2017

Kostenlos telefonieren mit Menschen auf der ganzen Welt – das hat Skype via Internet möglich gemacht. Entwickelt wurde die Software von 4 Esten. 2006, 3 Jahre nach der Gründung, wurde Skype um 3,1 Milliarden Dollar verkauft. Auf dieser Erfolgsgeschichte bauen immer mehr Start-ups in Estland auf.  "Früher wollten die coolen Kinder in der Garage eine Rockband gründen, heute ist es ein Start-up", sagt  Sten Tamkivi. Tamkivi war selbst bei Skype und hat Bereiche der Forschung und Entwicklung geleitet.

Sten Tamkivi © Julia Slamanig

Er spricht von einem Schema, dem junge Menschen in Estland heute folgen: Ihre Wochenenden verbringen sie bei Hackathons (Anmerkung: Veranstaltung zur Entwicklung von Hard- und Software), um ihre Ideen vorzustellen. Dann sei es einfach Kontakte zu knüpfen und erstes Geld aufzubringen. Schlussendlich würden aber die meisten scheitern, weil es noch immer schwierig ist, eine Firma aufzubauen, die langfristig Erfolg hat. "Aber je mehr es versuchen, desto mehr werden erfolgreich", sagt Tamkivi.

429 Start-ups listet die Regierungsinitiative Startup Estonia in einer Statistik über das erste Halbjahr 2017 – in Estland, einem Land mit 1,3 Millionen Einwohnern. "Fast jedes Start-up hat einen Gründer, Investor oder Berater mit Bezug zu Skype", sagt Tamkivi. Er selbst gründete zuletzt Teleport – eine Software, um den besten Platz zum Leben zu finden und dahin zu ziehen. Im Vorjahr hat Teleport rund 7 000 Menschen umgezogen.  "Unsere Auftraggeber sind Banken von der Wallstreet, Computerfirmen aus Silicon Valley und andere große internationale Betriebe."

Von Estland für die Welt

Karoli Hindriks © Julia Slamanig

"Die Geschichte von Skype gab den Menschen das Selbstvertrauen, dass du von diesem kleinen Land in Nordeuropa aus etwas schaffen kannst, das weltweit erfolgreich ist", sagt Tamkivi. Eine Portion dieses Selbstvertrauens hat Karoli Hindriks abbekommen. "Als ich gesehen habe, dass ein paar Kerle aus Estland etwas entwickeln, das die ganze Welt von Grund auf auf den Kopf stellt, dachte ich mir, wenn die das schaffen, kann ich das auch", sagt Hindriks.

Mit 16 gründete sie ihre erste Firma – damals als jüngste Erfinderin Estlands. Heute leitet Hindriks (34) Jobbatical, eines der erfolgreichsten estnischen Start-ups. Jobbatical ist eine Verbindung von Job und Sabbatical. Die Online-Plattform vermittelt Jobs im Ausland für 3 bis 12 Monate.

Betritt man die Büroräumlichkeiten von Jobbatical in Tallinn, tauscht man Straßenschuhe gegen Hauspatschen. Im Gemeinschaftsraum hängt eine Schaukel zwischen bunten Sitzsäcken. Gründerin Karoli Hindriks sitzt im Schneidersitz im Besprechungsraum, umgeben von einem giftgrünen Teppich, und erzählt von 4 Millionen Dollar, die ihre Firma Ende September von Investoren einwerben konnte.

Zwischen Küche und Esstisch begegnet man hier dem Italiener Roberto und Ahmed aus Ägypten. Die 29 Mitarbeiter von Jobbatical stammen aus 12 Nationen. "Als ich unsere Marketingexpertin Lauren aus New York anstellen wollte, dauerte es 24 Stunden, bis sie zu arbeiten beginnen konnte, nachdem sie mein Angebot angenommen hatte. Und es kostete mich weniger als 200 Euro", erzählt Hindriks. 2017 hat Estland ein Start-up-Visum eingeführt. Damit können Menschen auch von außerhalb der EU ohne bürokratischen Aufwand nach Tallinn kommen, um für ein Start-up zu arbeiten. "Die Regierung unterstützt Start-ups, indem sie Barrieren abschafft", sagt Ex-Skyper Tamkivi.

Alles online, alles easy

Deswegen müssen Unternehmer in Estland auch kaum Zeit für Bürokratie aufwenden. Dokumente unterschreiben, ein Bankkonto eröffnen, eine Firma registrieren – funktioniert in Estland alles online. "Ich habe Jobbatical in einem Café etwa 500 Meter von hier entfernt gegründet", erzählt Hindriks, "ich ging online, musste mich einloggen, 180 Euro zahlen und einige Minuten später hatte ich eine Firma." In Estland verschwende man keine Zeit für unnötige Dinge, deswegen könne man sich darauf konzentrieren, seine Firma aufzubauen. "Meine letzten Steuern machte ich am Weg von Singapur nach Japan am Flughafen in Korea – online in 2 Minuten."

Der Staat erleichtert nicht nur die Rahmenbedingungen, sondern lebt auch die Start-up-Mentalität. "Wir bekamen gerade einen Award als 'Best Fintech Company 2017'. Die Präsidentin hat diese Nachricht retweetet ", sagt Kaidi Ruusalepp, Gründerin von Funderbeam. Das Büro ihres Start-ups ist in Telliskivi City – zwischen alten Backsteinhäusern mit riesigen Graffitis, hippen Lokalen und Läden von Jungdesignern. Früher war diese Gegend nahe der Altstadt ein Industrie-Viertel, heute wirtschaftet hier die Kreativszene. "In Telliskivi-City unterstützen erfolgreiche Start-ups die Newcomer", sagt Ruusalepp. Auf diese Art profitierte die Start-up-Szene in Estland auch von Skype. "Die Leute von Skype haben mit ihrem Geld nicht einfach Sportwägen gekauft, sondern begonnen, in andere Start-ups zu investieren", sagt Tamkivi. Dadurch hat sich Estland zu einem Hotspot für Start-ups entwickelt. Heuer haben estnischen Start-ups bereits 270 Millionen Euro Kapital beschafft – mehr als das Doppelte vom Vorjahr. 2 600 Menschen arbeiteten Mitte des Jahres in Estland für Start-ups und die Zahl steigt stetig.

Eurotours in den Estland

Julia Slamanig © Julia Slamanig

Autorin: Julia Slamanig 
Medium: Kleine Zeitung
Eurotours-Ziel: 27. September 2017 bis 1. Oktober 2017 (Estland)

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