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Die Sexindustrie macht Milliarden mit interaktiven Pornos. "Models" wie Sophia und Ariel leben davon.

Jenny Day* ist den Tränen nahe. "Ich brauche morgen schon das Geld", schluchzt sie und lässt sich noch tiefer in den Sessel sinken. Katya Tiuni ist davon wenig beeindruckt. "Wenn du traurig bist, werden keine Männer zu dir kommen. Du musst versuchen, deine privaten Probleme zu vergessen, zu lächeln und mit den Besuchern zu flirten." Sie schaltet die Kamera auf ihrem Laptop ein und beginnt, davor zu tanzen. "Posiere mit den Beinen vor der Kamera. Geh mit deinen Brüsten ganz nahe an die Kamera heran. Wenn du dich wohl fühlst, kannst du dein Top ablegen. Dann sagst du ihnen: Ich wünschte, du wärst mit mir hier. Was würdest du mit mir machen?"

Katya Tiuni ist eine strenge Trainerin. Sie fordert viel von ihren Mitarbeiterinnen wie Jenny Day. Sie sind "Webcam-Models". "Models" heißen alle Frauen, die wie Jenny und Katya im "Tiptop-Studio" arbeiten. Das Studio befindet sich im Zentrum der tschechischen Hauptstadt Prag, in einem kleinen Einkaufszentrum. Der Eingang liegt versteckt, an der Wand führt ein kleines Schild über eine Treppe hinauf bis zum zweiten Stock des Gebäudes. Jeweils 4 Räume befinden sich auf beiden Seiten des weißen Flurs, aus manchen von ihnen tönt Jazzmusik, aus anderen Pop- oder Rockmusik. An der Wand entlang sind Stöckelschuhe in unterschiedlichen Farben und Absatzlängen aufgestellt, am Kleiderständer daneben hängen Röcke und BHs. Jede halbe Stunde öffnet sich eine der Zimmertüren und eine Frau stolziert zum WC oder in die Küche, um eine Tasse Kaffee zu trinken, der nicht zu wärmen scheint.

"Mir ist kalt", sagt Sophia* und wirft sich die Decke über die Schultern. Sie trägt ein hautenges, ärmelloses Top, einen schwarzen Rock und Stöckelschuhe. Sophia wird heute im Raum 3 modeln, dem "Wohnzimmer": In der Mitte steht eine graue Ledercouch, auf der 2 Decken ausgebreitet sind, daneben ein Kleiderständer mit einem Aktenkoffer. An der Wand hängt ein Spiegel und ein Schild mit der Aufschrift "The Princess Sleeps Here". "Webcam-Model heißt so viel wie Online-Hure", sagt Sophia und blickt beschämt nach unten. Sie spricht mit leiser Stimme, schüchtern wirkt sie. Ihren wirklichen Namen möchte die 21-Jährige nicht sagen, genauso wenig wie ihren Modelnamen. Aus der Ecke des Raumes scheinen die Lichter eines Scheinwerfers auf sie, vor ihr auf dem Kasten ist ein Bildschirm mit einer Kamera aufgebaut. In wenigen Minuten wird das weiße Licht der Kamera wieder leuchten, Sophia wird die Decke ablegen und in die Kamera lächeln. Ihre Kunden sollen nicht merken, dass sie heute etwas krank ist.

Sie schließt die Zimmertüre – damit alle wissen, dass sie arbeitet und nicht gestört werden will. Sophia ist dann mit der Kamera über das Internet live mit ihren "Mitgliedern" verbunden. Mitglieder nennen sich die Männer, die Sophia vor der Kamera sehen wollen. Sie gehen dafür auf Erotik-Websites wie "LiveJasmin", "Flirt4Free" oder "CamContacts". Diese senden die Live-Übertragungen der Models und kassieren 50 Prozent des Umsatzes von den Kreditkartenzahlungen der Mitglieder. Sophia hat auf allen dreien ein Profil und ist auf diesen, wenn sie arbeitet, gleichzeitig online. Dutzende Augenpaare beobachten sie in ihrem Zimmer, schreiben ihr Nachrichten im Chat. Der Chat ist gratis. Über ein "Trinkgeld-System" schicken sie ihr Tokens, die virtuelle Währung auf den Websites. "Ich versuche immer, einen der Kunden zu einer privaten Unterhaltung einzuladen. Damit verdiene ich am meisten Geld", sagt Sophia.

3 bis 6 Euro verdient sie pro Minute während einer "privaten Show". Bis zu 200 Euro am Tag. 5 Tage die Woche arbeitet sie im Studio, immer von 4 Uhr nachmittags bis 12 Uhr nachts. Nach den 50 Prozent, welche die Website von ihren Umsätzen bekommt, gehen 40 Prozent an das Studio, das den Raum, Internet und die Kamera zur Verfügung stellt. Am Ende bleibt trotzdem noch einiges übrig: Etwa 2 500 Euro hat sie vergangenen Monat mit ihrer Arbeit verdient.

LiveJasmin, jene Seite, auf der auch Sophia online geht, ist einer der größte Anbieter von Live-Erotik-Shows und eine der meistbesuchten Websites weltweit. 35 bis 40 Millionen Menschen besuchen die Website jeden Tag. Zu jeder Zeit sind mehr als 2000 Models von überall auf der Welt online. LiveJasmin hat ihren Gründer, den Unternehmer György Gattyán, zu Ungarns reichstem Mann gemacht.

Live-Webcamming ist der größte und am schnellsten wachsende Markt in der Erotik-Industrie", sagt Jim Austin, Verkaufsmanager bei "Stripchat", einer weiteren Webcam-Seite, auf der über 700 Models arbeiten. Er trägt ein schwarzes Polo mit dem Logo des Unternehmens und einen Henri-Quatre-Bart, die Haare hat er nach hinten gegelt. Vergangenes Jahr seien weltweit 3 Milliarden Euro in der Webcam-Industrie erwirtschaftet worden. 20 Prozent der gesamten Einnahmen der Online-Sexindustrie fallen mittlerweile in den "Live-Chat"- Bereich. Die Models arbeiten vor allem in Rumänien, Kolumbien, den USA – und eben in Tschechien.

"Es ist schwer zu sagen, wie viele Webcam-Models es in Tschechien gibt", sagt Walter van Liesdonk, der vor 7 Jahren das Tiptop-Studio in Prag gründete. Rechtlich gesehen ist Webcamming in Tschechien legal, solange die Person über 18 Jahre alt ist und nicht zur Masturbation oder anderen sexuellen Handlungen gezwungen wird. Um als Model arbeiten zu können, braucht es im Grunde nicht mehr als einen Laptop, eine Kamera, eine schnelle Internetverbindung und einigermaßen gute Englischkenntnisse. Bis zu 40 andere Frauen arbeiten neben Sophia im Tiptop-Studio, die meisten sind Studentinnen aus Tschechien, Ungarn, der Ukraine oder aus Russland im Alter von 19 bis 28 Jahren. Für die Zeit ihrer "Show" mieten sie die Studios. Wie viel Geld sie während einer Show verdienen, sei jeder selbst überlassen, so Walter van Liesdonk.

Neben seinem Schreibtisch schminkt seine Lebensgefährtin, Katya Tiuni, eine der Frauen. "Du musst versuchen, so oft wie möglich online zu sein", sagt die 31-Jährige. Katya hat lange, blonde Haare, trägt eine schwarze, hautenge Hose und ein rosa Shirt. Sie arbeitet seit 11 Jahren als Webcam-Model und trainiert, wie sie sagt, die neuankommenden Mädchen in den ersten 2 Wochen, "damit sie als Models erfolgreich sind".

Es gebe 4 wichtige Regeln, die es zu jeder Zeit zu beherzigen gelte. Erstens, locke Mitglieder an. Zweitens, behalte sie so lange wie möglich bei dir. Drittens, schau, dass sie wieder zurückkommen. Viertens, halte die Beziehung mit ihnen aufrecht. "Du musst deine Kunden immer unterhalten", sagt Katya. Sie wirkt wie eine Mutter, die ihre "Mädchen" mit extravaganten Flirttipps berät und sie bei Bedarf mit harten Anweisungen zurechtweist.

An ihren ersten Tag vor der Kamera kann sich Sophia noch gut erinnern: Wie sie die Blicke der Männer auf ihrem Körper spürte. Wie sie plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. "Zeig mir deine Brüste!", habe ihr ein Mann gleich zu Beginn zugerufen. Etwa 3 Monate ist das her. Damals habe ihr eine Freundin die Werbung für das Studio auf Facebook gezeigt. Sophia studiert im dritten Jahr Kriminologie auf der Universität in Prag. Um sich ihre Wohnung und ihr Studium zu finanzieren, habe sie in Restaurants und Hotels gearbeitet. Das Geld reichte nur knapp für die Miete. Als Webcam-Model im Studio verdient sie jetzt sechsmal mehr.

Auf einer Erotik-Website ist Sophia das achtzehnjährige "Teenager-Mädchen", auf einer anderen nennt sie sich "Miss Muscle". "Um als Webcam-Model zu arbeiten, legt man sich eine neue Online-Identität zu", sagt sie. Zu Beginn müsse man sich für eine Kategorie entscheiden: Nacktmädchen, Flirtmädchen oder Fetischmädchen. Sie sei in der Kategorie "Bizeps-Fetisch", weil sie regelmäßig ins Fitnesscenter gehe. Wenn sie online ist, hält sie ihren Bizeps vor die Kamera und spannt die Muskeln an. "Die Männer kommen, um meine Muskeln zu sehen. Viele wollen von meinen Fitnesstrainings hören", sagt Sophia.

Das Spiel vor der Kamera funktioniert wie im Theater. Das Model ist die Schauspielerin, die Kunden sind das Publikum und das Zimmer ist die Bühne. "Viele meiner Kunden wollen Bedürfnisse und Vorstellungen ausleben, die sie sich sonst nie auszusprechen trauten", meint Veronika*, die seit einem Jahr als Model im Studio arbeitet. Die 20-Jährige hat blonde Haare, trägt ein schwarz-weiß strichliertes Kleid und schwarze Strümpfe. Sie hat auf dem breiten Bett in einem der Zimmer Platz genommen und richtet die Kamera für ihre Show ein. Es gebe Fetische mit Strümpfen, Nägeln, gefärbten Haaren, Fettleibigkeit, Rauchen oder Füßen, sagt Veronika. Rollenspiele, bei denen das Model in die Rolle der Sklavin und der Kunde in die Rolle des Herren schlüpft – oder umgekehrt – und Shows mit Sexspielzeugen und Vibratoren.

Zu 95 Prozent seien ihre Kunden Männer im Alter von 30 bis 45 Jahren, sagt Veronika. Viele kommen neben der Show vor allem zum Reden. Sie erzählen ihr von ihren Beziehungen, von ihrer Arbeit oder Problemen im Alltag. Für viele Kunden sei sie zu einer Freundin und gleichzeitig Psychiaterin geworden. "Ich glaube, dass ich ihnen helfen kann, indem ich ihnen eine angenehme Gesellschaft leiste", sagt Veronika.

Es sind Männer wie Antonio*, die in Veronikas und Sophias Online-Chat kommen. Antonio ist 34 Jahre alt und arbeitet als Arzt in Prag. Als der damals zwanzigjährige Medizinstudent das erste Mal auf die Website LiveJasmin ging, sei das für ihn "revolutionär" gewesen. "Ich konnte mit den Mädchen über meine intimen Wünsche und Gefühle sprechen", sagt er. "Vor der Kamera fühlt sich alles normal an. Niemand wird für irgendetwas verurteilt. Es war sehr befreiend für mich." Jeden zweiten Tag ging Antonio auf eine der Websites, verbrachte eine Stunde dort. Etwa 50 Euro gab er pro Monat für Shows aus. Auch heute noch sei er ab und zu online, sagt er, und das, obwohl er in einer Beziehung sei und keine Probleme habe, Partnerinnen zu finden. "Mit meiner Freundin kann ich nicht über alle meine Fantasien sprechen. Die Models wissen genau, was ich möchte. Sie zoomen für mich auf Lippen oder andere Körperteile oder masturbieren mit mir vor der Kamera." Seiner Partnerin erzählt Antonio nichts von seinen Webcam-Erlebnissen, ansonsten "verlieren sie ihren Adrenalin-Faktor".

Sophia ist im Rollenspiel vor der Kamera die "dominante Frau". Ihre Kunden erwarten sich, dass sie ihnen befiehlt, welche Entscheidungen sie in ihrem Alltag treffen sollen. Andere wollen, dass sie zusieht, während sie sich mit einem Küchenlöffel schlagen oder sich über einer Kerze verbrennen. Sophia sagt ihnen, dass sie Single ist, obwohl sie einen Freund hat. Ihr Freund sei mit ihrer Arbeit einverstanden. Ansonsten wissen nicht einmal ihre Eltern Bescheid, sagt Sophia und senkt ihren Blick.

Auf ihrem Bildschirm im Zimmer ticken 4 verschiedene Uhren. Eine aus London, eine aus New York, eine aus Hawaii und eine aus Sydney. "Am meisten Geld mache ich zwischen 10 und 12 Uhr Mitternacht", sagt Sophia. Dann ist es Abend in den USA, und ihre amerikanischen Kunden kommen von der Arbeit nach Hause.

"Was Webcamming von traditioneller Pornographie im Internet unterscheidet, ist die hohe Interaktion", meint Shirley Lara, Managerin bei "Chaturbate", einer Erotik-Webcam-Website mit mehr als 4 Millionen Besuchern pro Monat. Der Kunde könne entscheiden, wie und von wem er unterhalten wird. Während bei traditionellen Pornovideos der Verlauf bereits vorgegeben ist, sei die Unterhaltung einer Webcam-Show viel näher am echten Leben, so Lara. "Die Kunden wollen Exklusivität. Sie wollen glauben, dass das Model nur für sie da ist." 

Gaystudio Bel Ami © Jakob Pallinger
Gaystudio Bel Ami © Jakob Pallinger

Sogar Pornofilmehersteller wie "Bel Ami" sind mittlerweile ins Webcamming-Geschäft eingestiegen. Das Unternehmen, das vor mehr als 20 Jahren gegründet wurde und Gay-Pornos auf der eigenen Website hochlädt, hat seine Studios in Prag, Bratislava und Budapest. Seit einigen Jahren posieren und masturbieren in diesen Filialen 40 männliche Schauspieler auch vor der Webcam.

In Prag liegt das "BelAmi"-Studio etwas außerhalb des Zentrums. Ein kleines Schild am Türeingang führt ins Innere, vorbei am Fitnessraum mit Gewichtstangen und Laufbändern bis zu den Webcam-Zimmern. "Am Wochenende haben die Jungs hier ordentlich gefeiert", sagt Steward Davis, Manager des Studios, und man merkt, dass ihm das etwas peinlich ist. Am Boden liegt ein Glasdildo, über die Männernacktfotos, die an den Wänden hängen, ziehen sich feine weiße Linien.

"Hallo Jungs, wie geht’s euch?", sagt Ariel Vanean und lächelt in die Kamera. Mit einer Hand zieht er sein T-Shirt nach oben, mit der anderen öffnet er seinen Hosengürtel. Sein Profil befindet sich auf der Erotik-Chat-Seite "Flirt- 4Free": "Alter: 28, Augenfarbe: braun, Haarlänge: kurz, Körpertyp: athletisch", heißt es in der Beschreibung darunter. "Obwohl ich wie ein Mann ausschaue, fühle ich mich immer noch mehr wie ein Junge", schreibt er über sich selbst. Unter der Kategorie "Rollenspiele" hat er die Szenarien "Chef/Sekretärin", "Herr/Sklave", "Nonne/Priester" und "Student/Lehrer" angegeben.

"Ich spiele für meine Kunden den Partner in der Beziehung", sagt Vanean. Wenn er von seiner Arbeit erzählt, lächelt er oft, einzelne Wörter auf Englisch fallen ihm nicht sofort ein. Vor 10 Jahren hat er bei Bel Ami als Schauspieler für Gay-Pornovideos begonnen, gleich nachdem er mit der Schule fertig war. Seit 2 Jahren "modelt" er live vor der Kamera im eingerichteten Studio oder vor dem Laptop in seiner Wohnung. Dafür hat er sich eine Internetverbindung mit hohen Datenraten zugelegt, Fotolampen und eine professionelle Kamera. "Webcamming ist mit traditionellen Pornovideos nicht vergleichbar. Was zählt, ist die Persönlichkeit und positive Einstellung", sagt Vanean. Bei seiner ersten Show habe er sich "wie ein Fisch im Ozean gefühlt". "Ich habe geglaubt, ich mache alles falsch", sagt er. Heute schauen ihm täglich 400 Männer beim Masturbieren zu, 30 000 Personen folgen ihm auf Twitter. Jeweils drei Stunden in der Früh und drei Stunden am Abend sitzt er vor seiner Kamera, fünf- bis siebentausend Euro verdient er damit pro Monat.

Phillipe, der bei Bel Ami Webcam-Models berät und ihre Studiozeiten koordiniert, schätzt, dass weltweit etwa 30 Prozent aller Webcam-Models Männer sind, die für ein homosexuelles Publikum arbeiten. "Es ist egal, ob Frauen oder Männer vor der Kamera stehen, am Ende modeln sie immer für männliche Kunden." Laut Informationen von "Pornhub", der Internetseite mit den weltweit meisten Zusehern von Pornographie-Videos, seien mehr als 70  Prozent ihrer Nutzer Männer.

Pornhub, deren Betreiber ihre Videos gratis zur Verfügung stellen und sich nur über Werbung finanzieren, habe indirekt auch zur Verbreitung von Webcamming geführt, meint Phillipe. "Jeder, der im Internet nach Pornos sucht, findet sie auch. Und die meisten Videos sind sogar gratis." Viele Kunden seien nicht mehr bereit, für traditionelle Pornos zu zahlen. Im Gegensatz zu Pornovideos laufe Webcamming freier ab, so Phillipe, der an diesem Tag in Bratislava arbeitet. Models müssen selbst bestimmen, wie weit sie mit ihren Kunden gehen. "Ich habe meine eigenen Grenzen ständig ausgeweitet", sagt Vanean. Während er sich am Anfang niemals vor der Kamera befingert hätte, sei das jetzt ganz normal. Trotzdem gebe es Grenzen. "Manche Kunden wollen, dass ich auf mich selbst uriniere oder meinen eigenen Urin trinke. Da beende ich sofort das Gespräch."

Auch Katya Tiuni vom Tiptop-Studio zieht klare Grenzen. Sie rät jedem Model, eine grüne und eine rote Liste zu schreiben. Die grüne für Dinge, die okay sind, die rote für absolute "No-Gos". "Wenn ein Kunde zu weit geht oder unangenehm wird, kann ich die Unterhaltung jederzeit mit einem Mausklick beenden", sagt Sophia. "Die Männer wohnen tausende Kilometer entfernt. Sie können mich nicht berühren."

Julia*, die seit 3 Jahren als Webcam-Model arbeitet, sieht dennoch Risiken. "Mitglieder können das Gespräch aufnehmen, ohne dass du es merkst. Ich habe eine meiner Shows einmal im Internet gefunden", sagt die 20-Jährige. Sie habe Angst, dass Kunden ihren wahren Namen herausfinden und ihrer Familie von ihrer Arbeit erzählen. Kunden könnten sie mit den Daten erpressen und zu Tätigkeiten zwingen, die sie sonst niemals machen würde.

Auf dem Forum "camgirlnotes", in dem sich "Camgirls" vernetzen und über Erfahrungen in der Arbeit sprechen, schreibt eine Nutzerin, dass sie sich schämt, als Model gearbeitet zu haben. Sie hatte das Gefühl, einen Teil ihres Körpers zu verkaufen.

"Die Frage ist, ob sich Models freiwillig für die Arbeit entscheiden oder aus wirtschaftlicher Not heraus dazu gezwungen sind", sagt die Soziologin Chauntelle Tibbals, die in den USA zu den Themen Sexarbeit und Gender forscht. Wer auf Geld von Kunden angewiesen ist, lasse sich dann auch leichter von den Mitgliedern unterdrücken.

Sophia möchte nicht zu sehr an diese möglichen Szenarien denken. Sie hat sich heute Morgen für den großen Tag vorbereitet. Walter van Liesdonk nimmt sie zum European Summit mit, der größten Messe für digitale Unterhaltung und Webcamming in Europa. Sie findet im Hotel "Vienna House Diplomat Prague" statt, im Norden der tschechischen Hauptstadt. Vor der Glasfassade haben sich die ersten Besucher versammelt. Die Männer tragen Anzug und Krawatte, rauchen Zigaretten und unterhalten sich auf Englisch, Französisch, Spanisch und Tschechisch. In der Eingangshalle stolzieren langbeinige Frauen mit kurzen Röcken auf Stöckelschuhen über den Marmorboden und drücken jedem Besucher einen Flyer mit nackten Frauen in die Hand.

Sophia soll im Raum "Terpon" im ersten Stock arbeiten. Der Raum ist durch eine schwarze Wand in 2 Hälften geteilt. Auf der einen Seite steht eine weiße Kamera mit 2 kreisrunden Wölbungen, die an Augen erinnern, und eine schmale Couch. Auf der anderen Seite sind mehrere Sesselreihen hintereinander aufgestellt. 5 Männer in Anzügen haben darauf Platz genommen und tragen schwarze Brillen, die wie futuristische Tauchermasken aussehen. "Gefällt dir, was du siehst?", fragt Sophia in die Kamera. Sie bewegt ihre Hüften nach links und nach rechts, mit den Händen fährt sie über ihr hautenges Top. Die Männer mit den Brillen recken ihre Köpfe in alle Richtungen, sind voll und ganz in eine eigene Welt eingetaucht.

"Virtual Reality" nennt sich die neue Technologie, bei der spezielle Kameras ein 3-dimensionales, 200 Grad weites Bild beim Betrachter erzeugen. "Terpon" heißt das Schweizer Start-up-Unternehmen, das Anfang des Jahres die ersten 1 000 Kameras an prominente Models verschickt hat. "Mit Virtual Reality hast du das Gefühl, direkt mit dem Model im Raum zu sitzen", sagt Michael Plante, der den "Terpon"-Stand auf der Messe betreut. Das Unternehmen vermietet die Kameras um 30 Dollar pro Monat an Models auf der ganzen Welt, um – wie Geschäftsführer Jean-Claude Artonne sagt – "die Nutzung der Kameras auch einkommensschwachen Models in Rumänien und Kolumbien zu ermöglichen". Bis 2021 will man den Durchbruch geschafft haben, im Tiptop-Studio wird es schon nächstes Monat eine "Testkamera" geben.

Neben dem "Terpon"-Stand vermarktet Verkaufsmanagerin Ellen Ten Brink interaktive Vibratoren der Marke "We Vibe". Die Vibratoren sind über eine App miteinander verbunden. Hat der Kunde genug Tokens, kann er den Vibrator des Models über das Handy zum Vibrieren bringen. "Mit der interaktiven Stimulation können die Mädchen noch mehr Geld machen, weil Kunden zahlen, um Einfluss auf die Show zu nehmen", sagt Brink.

An der Spitze der Verkaufsmaschinerie steht Mugur Frunzetti, Geschäftsführer der internationalen Studiokette "Studio 20", dem größten Webcam-Franchise der Welt, mit Studios in Rumänien, Ungarn, Kolumbien und den USA. Der 41-Jährige trägt ein weißes Hemd, blaue Jeans und goldene Schuhe. Er sei ständig auf der Suche nach neuen Models und plane, in den nächsten Jahren neue Studios in Kalifornien und auch eines in Prag zu eröffnen, sagt er. Wenn er durch die Hallen des Hotels geht, folgen ihm einige der Models, die Frunzetti als seine "Geishas" bezeichnet. "Ich bringe ihnen bei, Beziehungspartnerinnen für unsere Kunden zu sein." Seit dem ersten Studio vor 15 Jahren ist Studio 20 zu einem Millionenunternehmen geworden. "In einer Welt, die immer digitaler wird, wird auch die Webcam-Industrie weiterwachsen", ist Frunzetti überzeugt.

An Sophia wird diese Entwicklung vorübergehen. Hoffentlich. Sie möchte möglichst bald ihr Studium abschließen und dann einen anderen Job finden. Solange sie sich ihre Wohnung und ihr Studium nicht finanzieren kann, wird sie aber weiter Männern zur Verfügung stehen – und ein Doppelleben führen müssen.

*Namen redaktionell geändert.

Eurotours in Tschechien

Philipp Grüll © Philipp Grüll

Autor: Jakob Pallinger  
Medium: Datum
Eurotours-Ziel: 24. bis 28. September 2017 (Tschechien)

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