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Julia Lemonia Raptis: "Es gibt keinen typischen Tag in der Kommission"

Die studierte Juristin aus Linz arbeitet seit 2013 im Bereich EU-Finanzmarktregulierung.

Julia Lemonia Raptis

Berufliche Laufbahn:

Während meiner Schulzeit und meines Studiums habe ich Praktika bei Medien (Printjournalismus), Banken (Unternehmensfinanzierung) und im Außenministerium (BMeiA; bi- und multilaterale Diplomatie) gemacht. Danach habe ich 3 Jahre als Assistentin am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht der Universität Wien gearbeitet, bevor ich bei der Finanzmarktaufsicht begonnen habe. Während meiner Bildungskarenz als "Fulbright Scholar" an der Columbia Law School in New York konnte ich die USA und auch die Sicht der USA auf Europa erleben. Nach meiner Rückkehr nach Österreich und in die Finanzmarktaufsicht (FMA) wurde ich Vorstandsassistentin und bin seit 2013 bei der Europäischen Kommission im Bereich Finanzmarktregulierung tätig.

Hobbies und Interessen:

Literatur, Theater, Kino, Reisen, Tennis, Tauchen, Kochen und Backen

Österreich ist seit 1995 in der EU "angekommen"

Österreich ist weltoffener und kulturell vielfältiger geworden und das ist sehr gut so. Wir entsprechen wieder mehr unserer politischen und geographischen Rolle, die in der Bundeshymne enthalten ist – "liegst dem Erdteil du inmitten, einem starken Herzen gleich". Als neutraler Staat mit schwieriger Vergangenheit ist es unsere Pflicht, mit voller Kraft für die Union als europäisches Friedensprojekt zu arbeiten, um zu verhindern, dass Europa jemals wieder durch "heiße Fehden" und "wilde Streits" zerrissen wird.

Erinnerungen an die Zeit um den österreichischen EU-Beitritt

Ich war in der Unterstufe des Gymnasiums, als Österreich der EU beigetreten ist, und habe schnell positive Veränderungen bemerkt: Meine Familie väterlicherseits stammt aus Griechenland, und ich kann mich erinnern, dass Pakete meiner Großeltern vor dem EU-Beitritt oft vom Zoll geöffnet wurden und dann nur notdürftig verschlossen bei uns ankamen. Nach dem Beitritt kam alles so an, wie meine Oma es eingepackt hatte. Wir sind auch oft mit unserem Wohnwagen auf Campingurlaub gefahren und mussten an Grenzübergängen manchmal lang in der Hitze im Stau warten. Als Schengen-Mitgliedstaat wurden wir nur noch in der Schweiz aufgehalten und kontrolliert.

Europa muss für jeden Menschen positiv spürbar werden

Wir stehen vor 2 großen Herausforderungen: Die europäische Integration noch näher zu den Menschen, die in der EU leben, zu bringen und Tag für Tag dafür zu arbeiten, dass sich für jede Einzelne und jeden Einzelnen ein spürbarer positiver Effekt ergibt. Dies ist insbesondere in Sachen Ausbildung, Arbeitsmarkt und Güter- und Dienstleistungsverkehr wichtig.

Kampf gegen die Finanzkrise – Banken- und Kapitalmarktunion ist ein Teil davon

Die zweite Herausforderung ist die Überwindung der Finanzkrise, die wir "nicht verschwenden dürfen" und aus der die EU geeinter und mit effektiverer Regulierung und stärkeren Institutionen hervorgehen wird. Die Bankenunion ist ein erster Schritt in diese Richtung, momentan arbeiten wir an der Kapitalmarktunion.

Von der österreichischen Finanzmarktaufsicht zur EU-Kommission

Mein österreichischer Arbeitgeber, die Finanzmarktaufsicht, hat mich als abgeordnete nationale Sachverständige in die Generaldirektion Finanzstabilität, Finanzdienstleistungen und Kapitalmarktunion der Europäischen Kommission entsandt, nachdem ich mehrere Jahre für die FMA als Referentin und Vorstandsassistentin gearbeitet hatte.

Arbeitsplatz im Herzen Europas: viele Sprachen, viele Kulturen

Eine europäische Karriere bedeutet, tagtäglich für die europäischen Institutionen und somit für 28 Mitgliedstaaten zu arbeiten und oft komplexe Fragestellungen in einem spannenden institutionellen Umfeld zu beantworten. Es ist eine tolle Erfahrung dabei mit vielen verschiedenen Kulturen und Sprachen in Berührung zu kommen. Ich würde mich jedenfalls wieder für ein "Secondment" (Abordnung) zur Kommission entscheiden.

Für eine "europäische" Karriere benötigt man Begeisterung für das Projekt Europa und sehr gute Englischkenntnisse. Jede weitere Fremdsprache – vor allem Französisch – ist ebenso hilfreich. Weiters sind große Lernbereitschaft und Flexibilität sowie die Bereitschaft, als eine von vielen "Botschafterinnen und Botschaftern Europas" tagtäglich auch im privaten Umfeld Auskunft über Europa zu geben, wichtige Eigenschaften.

Kein Tag gleicht dem anderen

Es gibt keinen typischen Tag in der Kommission. Ich bin für die politische Strategie in den Bereichen Marktmissbrauch (Insiderhandel und Marktmanipulation) und Kapitalmarktprospekte tätig, vertrete unter anderem die Kommission in den relevanten europäischen Arbeitsgruppen, führe Vertragsverletzungsverfahren, halte als Repräsentantin der Kommission Vorträge und betreue Ausschreibungen und Kooperationen mit Forschungsinstituten.

Fern der Heimat … ohne Roggenbrot und Leberkäsesemmeln

Brüssel ist für mich "little Europe", weil man hier vom polnischen Delikatessenladen über eine spanische Buchhandlung bis hin zu skandinavischem Design alles findet und das ist wunderbar. Ich vermisse vor allem meine Familie, Freunde und Freundinnen - und gutes Roggensauerteigbrot und ab und an eine Leberkäsesemmel. In Österreich haben wir eine ausgezeichnete Lebensqualität, und manchmal geht sie einem ab, auch wenn unser Gastland Belgien viele Vorzüge zu bieten hat.

Europa und Österreich müssen die EU besser erklären

Die EU hat sicherlich die Pflicht, ihr Tun so gut und so oft wie möglich allen Menschen, die in der EU leben, zu erklären. Aber auch nationale Medien, Politikerinnen und Politiker haben die Aufgabe, europäische Themen nicht totzuschweigen oder nur in negativem Licht darzustellen. Sie müssten noch viel stärker als bisher Europa zum Thema – und nicht zum Sündenbock – machen.

Der Arbeitsplatz von Julia Lemonia Raptis

Julia Lemonia Raptis ist für die Generaldirektion Finanzstabilität, Finanzdienstleistungen und Kapitalmarktunion (GD FISMA) der Europäischen Kommission tätig. Diese Generaldirektion hat ihren Sitz in Brüssel und ungefähr 380 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie untersteht EU-Kommissar Jonathan Hill aus Großbritannien. Hauptschwerpunkt der Aufgaben liegt im Banken- und Finanzsektor. Die DG FISMA koordiniert und überwacht Reformen der EU im Bereich der Finanzmarktregulierung. Sie stellt sicher, dass die EU-Gesetzgebung umgesetzt wird, überprüft die Wirksamkeit der Reformen und analysiert finanzielle Risken.

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