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Litauens Suche nach der verlorenen Jugend

50 000 Menschen verlassen im Jahr das kleine Land im Baltikum.  

Ein Beitrag von Antonia Löffler (Die Presse) für eurotours 2017

Rimante Ribaciauskaite © Antonia Löffler
Rimante Ribaciauskaite, Leiterin der Regierungsorganisation "Start-up Lithuania" meint: "Start-ups könnten die Lösung sein, um die Jungen zurück ins Land zu holen"

Den Exodus kann auch der Wirtschaftsaufschwung nicht stoppen. Digitalisierung, Start-ups und IT-Firmen versprechen nun bessere Zeiten für manche. Ein Besuch bei jenen, die heimkehrten.

Als Aurelija Petrauskyte bei dem jungen Finanzunternehmen Transfer Go in Vilnius anfing, kam ein Kollege auf sie zu: Ob sie immer so viel lächle? Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der singenden Revolution im Baltikum sitzt die Lehre aus dem Kommunismus tief in den Köpfen im kleinen Land: Bloß nicht zu viel lächeln. Bloß nicht prahlen. Sonst könnte der Nachbar auf Ideen kommen.

Das litauische Understatement hat es zu einem geflügelten Satz gebracht. "Litauen ist Europas bestgehütetes Geheimnis." Anders als die Esten, die sich als digitale Pioniere in Szene setzen, wüsste nicht einmal die eigene Bevölkerung über den Fortschritt in Litauen Bescheid, sagt Justinas Uba. Er arbeitet in der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Vilnius und berät die Rückkehrer. Uba und Petrauskyte sind selbst zwei von ihnen. Die Frage, die Uba am häufigsten hört, seit er nach Stationen in der Schweiz, den USA und Dubai in die Heimat zurückzog, lautet: Warum? "Die Menschen meinen es nicht böse, sie sind nur ernsthaft erstaunt." 

Etwas ist anders

Foto Justinas Uba
Justinas Uba, Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Vilnius

50 000 Litauer wählen jährlich die andere Richtung. Fort aus der Heimat. Seit der Unabhängigkeit 1990 hat das Land ein Fünftel seiner Einwohner verloren. 2016 verzeichnete es erneut den höchsten Bevölkerungsrückgang in der EU. Zurzeit hält man bei 2,9 Millionen Menschen. Aber etwas sei anders als in den Jahren nach dem EU-Beitritt 2004 oder der Wirtschaftskrise, als die Abwanderung Spitzenzahlen erreichte. "Die Emigration korreliert seit 2015 nicht mehr mit  dem wirtschaftlichen Aufschwung." Mit dem für heuer prognostizierten realen Wirtschaftswachstum von 3,3 Prozent läuft die Konjunktur sehr gut, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Löhne steigen. Durchschnittlich 770 Euro brutto sind zwar verglichen mit westeuropäischen Gehältern nach wie vor kein schlagendes Argument zum Bleiben. Aber die Gründe liegen tiefer, sagt Uba. Zum einen kommt der Wirtschaftsaufschwung nicht bei allen an. Nach Bulgarien, Estland und Lettland herrscht in Litauen laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) das größte Einkommensungleichgewicht. Dem armutsgefährdeten unteren Fünftel bleibt bei zum Teil dreifachen Preissteigerungen seit der Einführung des Euro 2015 nur der Gang ins Ausland.

Aber das allein ist es nicht. "Die litauische Diaspora hat eine kritische Masse erreicht", sagt Uba. Das Internet lässt die beliebtesten Zielländer Großbritannien, Irland oder Norwegen in greifbare Nähe rücken. Und Erfolgsgeschichten von Litauern, die dort die wirtschaftliche und gesellschaftliche Leiter hochstiegen, verbreiten sich rasch im Netz und Fernsehen. Egidijus Barcevicius, Direktor des Instituts PPMI in Vilnius, hält die starke Vernetzung der Emigranten für den Hauptgrund des anhaltenden Exodus: "Wenn du dich entscheidest zu gehen, musst du nicht einmal mehr die Sprache können. Irgendjemand organisiert dir sofort einen Transport, einen Job und eine Wohnung."

Es gibt aber auch Organisationen, die die Vernetzung der globalisierten Gesellschaft zugunsten Litauens nützen wollen. Eine davon heißt Global Lithuanian Leaders (GLL). Ihre rund 1 000 Mitglieder bekleiden höhere Positionen in internationalen Konzernen, sie sind Universitätsprofessoren, Anwälte, Ärzte. Und sie sollen Litauen etwas aus der Ferne zurückgeben. Das sei realistischer, als das Humankapital ins Land zu holen, sagt Kotryna Stankuté von GLL. Und es funktioniere. Sie erzählt die Geschichte von Gint Baukus, dem Mann, der den Giganten Western Union nach Litauen gebracht hat.

Billiges Wissen

Der US-Anbieter für Geldtransfers hatte Vilnius nicht einmal in die weitere Auswahl für seine Europa-Expansion genommen gehabt, bevor der gebürtige litauische Manager die Stadt in den Ring warf. Am Ende setzte sie sich 2009 gegen Warschau und Bratislava durch. Nicht zuletzt, weil die Preise für hoch qualifizierte IT-Kräfte dort bereits höher waren. Heute arbeiten fast 2 000 Menschen im IT-Servicecenter in Vilnius. Ähnlich viele beschäftigt die Barclays-Bank in der Stadt. Die Welle internationaler Unternehmen, die seit fast zehn Jahren nach Vilnius schwappt, wird von der Regierung gefördert. Sie wirbt mit dem schnellsten Breitband in der EU, mit niedrigen Mieten, mit 31 500 IT-Spezialisten im Land und sehr moderaten Ertragssteuern. Damit locken genau die Faktoren die Konzerne an, die der Internationale Wirtschaftsfonds (IWF) als Grund der aufklaffenden Einkommensschere und schlussendlich der Abwanderung ausmacht: sehr hohe Umsatzsteuern bei gleichzeitig niedriger Besteuerung von hohen Einkommen, Kapital und Vermögen.

Der starke Zuzug könnte auf lange Sicht zum Problem für heimische Firmen werden, sagt Justinas Uba vom Migrationsbüro. Denn die neuen Großen hätten so gut wie alle verfügbaren IT-Spezialisten in Litauen aufgesaugt. "Nun gehen sie uns langsam aus." Andererseits könne man sich nicht beschweren, denn Barclays und die anderen brächten die hoch qualifizierten litauischen Studenten zurück ins Land. Oft werben sie diese bereits gezielt in den Staaten mit der größten litauischen Diaspora ab. "Die Jungen sehen hier die Chance einer internationalen Karriere, die davor nicht da war", sagt Uba. Das bei einem Einkommen, das weit über den durchschnittlichen 770 Euro brutto liegt. "Wenn man Litauer herlocken will, muss man ihnen einen guten Grund geben: Geld. Für sie ist es ein gutes Gehalt, für die Banken ist es im EU-Vergleich noch immer niedrig."

Linas Bukauskas, Vizedekan des Mathematik- und Informatikinstituts der Universität Vilnius, kam nicht wegen des Geldes zurück, betont er. Bukauskas wollte etwas zur Entwicklung von Litauen beitragen. So wie viele seiner ehemaligen Studenten, sagt er, während er durch die barocken Bibliothekssäle und vorbei an der Universitätskirche führt. Er ist stolz auf die Geschichte des lange Zeit östlichsten Vorpostens der europäischen Geisteslandschaft. Ausgestellte Landkarten, die die Sowjets nicht zerstörten, zeugen von der Ausdehnung Litauens bis hinunter zum Schwarzen Meer zur Zeit ihrer Gründung 1579.

Heute sei man klein, aber man habe die Fachkräfte. Sein Institut zählt 2 000 Studenten. 90 Prozent hätten vor dem Abschluss eine Anstellung. "Ein Assistenzprofessor bekommt 600 Euro, meine Studenten steigen bei den internationalen IT-Firmen bei 1 200 Euro ein. Das ist kein Scherz." Aber Vilnius könne nicht alle Konzerne beherbergen. Bukauskas hofft, dass sich mit der Zeit immer mehr in anderen Städten wie Klaipeda und Kaunas ansiedeln und die mobilen IT-Kräfte den Aufschwung in die ländlichen Regionen tragen, wo die von der digitalen Revolution abgeschnittene, schlecht bezahlte Bevölkerung lebt.

Rimanté Ribaciauskaité will vorerst so viel Wissen wie möglich in einem 9 000 Quadratmeter großen Parkareal am Rand der Altstadt von Vilnius bündeln. Wo einst der litauische Hochadel seine Pferde gehalten hat und später die Sowjets ihr Militärspital eingerichtet haben, steht seit einem Jahr das nach eigenen Angaben größte Start-up-Zentrum im ganzen Baltikum. Vor 5 Jahren habe die Regierung relativ unvermittelt erkannt, dass Start-ups ein Muss sind, erzählt die Chefin der Regierungsorganisation Start-up Lithuania, die damals schnell gegründet wurde. Seitdem ist sie mit ihrem vierköpfigen Team dafür zuständig, dass Jungunternehmer die optimalen Arbeits- und Lebensbedingungen vorfinden.

Ribaciauskaité wirkt müde. Dieses Jahr konnte man erstmals eine eigene Start-up-Strategie im Regierungsprogramm verankern. Die 2016 gewählte Regierung sei aufgeschlossen. Aber im Parlament, wo Ribaciauskaité kommenden Frühling Erleichterungen für Unternehmen und Investoren durchboxen will, säßen viele mit altmodischen Ansichten. Und daran, wie das Land die nötigen Steuervorteile und Subventionen nach 2020 stemmen will, wenn die Zahlungen aus dem EU-Beitrittstopf versiegen, wolle sie noch gar nicht denken.

Alle Ferien wieder

Aurelija Petrauskyte
Aurelija Petrauskyte, Regionalmanagerin des Finanzunternehmens "Transfer Go"

"Ich glaube wirklich, dass Start-ups die Lösung sein könnten, um die Jungen zurück ins Land zu holen", sagt sie. Die 700 Arbeitsplätze im Park sind alle belegt, die Warteliste ist lang. Zurzeit stünden den Zehntausenden, die gehen, dennoch pro Jahr nur 100 Litauer gegenüber, die zurückkehren und gründen. Aber allein die Tatsache, dass eine junge IT-Szene in der Stadt entsteht, mache Vilnius attraktiver. Alle Ferien wieder kämen Studenten aus dem Ausland im Park vorbei, um nach Jobs und Praktika zu fragen. Bei TransferGo, wo Aurelija Petrauskyte vor einigen Monaten als Regionalmanagerin für das Baltikum anfing, ist die Lage ähnlich. Das Unternehmen wurde vor 5 Jahren von dem Litauer Daumantas Dvilinskas und einem Freund in London gegründet und ist wie Western Union auf internationale Geldtransfers spezialisiert. Ihre gesamte IT-Entwicklung sitzt aber mittlerweile wieder in Vilnius. "Die Mitarbeiter zogen in den vergangenen Jahren in die Heimat zurück. Sie wollten das immer, sie haben nur auf die richtige Gelegenheit gewartet", sagt Dvilinskas. Die Ausgewanderten hatten genug vom Pendeln in der britischen Metropole, vom harten Wettbewerb und den hohen Lebenskosten, sagt er. In Litauen hingegen könne man sich schnell etwas aufbauen, weil das Land so klein sei und viele Geschäftsideen aus dem Ausland ihren Weg noch gar nicht bis hierher gefunden haben.

Dvilinskas, der in London lebt, nennt Emigranten geheime Helden. "Daheim wird gesagt, sie sind nicht patriotisch, sie hätten Litauen aufgegeben. Aber das Gegenteil ist der Fall. Diese Menschen heben mit ihren Geldsendungen das Einkommen der Familien zu Hause." 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), 1 156 Millionen Euro, sandten sie laut den Erhebungen von Barcevicius' Institut PPMI 2016 nach Hause. Er will die Sicht von Dvilinskas, der sein Geschäft auf den Geldsendungen der Emigranten aufgebaut hat, nicht so stehen lassen: "Dieselben Menschen, die Geld nach Hause schicken, würden hier arbeiten, Steuern zahlen und Familien gründen. Das Geld wiegt den demografischen Verlust nicht auf."

Eine kleine, privilegierte Runde.

Damit sich Litauen wirtschaftlich erholen kann, brauche es einen demografischen Wandel. Aurelija Petrauskyte sieht erste zarte Anzeichen davon. Ihre hoch qualifizierten Freunde kämen wie sie selbst zurück, um nach Auslandskarrieren bei niedrigen Mieten und Lebenskosten ein angenehmes Leben in Vilnius zu führen.

Sie kennt aber auch die andere Seite: die in dem kleinen Dorf, aus dem sie stammt. Dort ziehen die Leute nicht für die bessere Ausbildung weg, sondern, weil sie nicht genug zum Überleben verdienen. Jede Familie habe ein oder zwei Mitglieder im Ausland. Und diejenigen, die gingen, hätten nicht immer den Luxus zurückzukehren. Ihre Schwester und deren Mann, die in Großbritannien nicht zur obersten Einkommensschicht zählen, trauen sich den Schritt zurück nicht. "Jeder schaut auf die Talente. Aber nicht alle Rückkehrer sind erfolgreich und hoch qualifiziert", sagen Uba und seine Kollegen vom Migrationsbüro. Jene, die sich bei ihnen Rat holen, gehörten mehrheitlich nicht dazu. Auch für sie wird das Land eine Antwort finden müssen.

Eurotours in Litauen

Antonia Löffler

Autorin: Antonia Löffler 
Medium: Die Presse
Eurotours-Ziel: Litauen (21. bis 25. August 2017)

Litauens Suche nach der verlorenen Jugend (PDF, 2670 KB)
Litauens Suche nach der verlorenen Jugend

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