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Mehr Pferdewägen als Autos, aber Internet als Rumäniens Tor zur Welt

Pferdewägen und Gemüsehändler – ein Besuch im Dorf Movile ist wie eine Zeitreise. Facebook, Youtube und Co sind hier trotzdem populär

Ein Beitrag von  Andreas Müller (derstandard.at) für eurotours 2017

Marya Atudorei ist nervös. Sie hat keine Zigaretten mehr, und, noch schlimmer, ihr Internetdatenvolumen ist aufgebraucht. Dabei nutzt sie bereits 3 SIM-Karten, um mehr Gigabyte zur Verfügung zu haben. Die 18-Jährige zockt gerne Handyspiele, hört sich auf Youtube Musik an oder chattet mit ihrem Bruder, der in Italien als Saisonarbeiter beschäftigt ist. Marya hat daheim kein WLAN, für sie sind die mobilen Daten essenziell.

Der von der EU veröffentlichte Europe's Digital Progress Report misst jährlich den Fortschritt der Mitgliedsländer in Sachen Digitalisierung. Dabei werden Faktoren wie Netzverbreitung, E-Government, E-Commerce, Internetkenntnisse und -nutzung berücksichtigt. Rumänien liegt an letzter Stelle im Gesamtüberblick, doch bei der Internetnutzung über soziale Netzwerke belegt das Land Platz 8 (von 28). 74 Prozent aller User waren zum Zeitpunkt der Studie in den letzten drei Monaten aktiv.

Gänse, Hühner, Trompeten

Pferdegespann in Movile © Andreas Müller
Pferdegespann in Movile © Andreas Müller

So auch viele in der 300-Einwohner-Gemeinde Movile, der Heimat von Marya. Das Dorf liegt im Herzen Rumäniens, im Harbachtal in Transsilvanien. Hier gibt es mehr Pferdewägen als Autos, dazu freilaufende Gänse und Hühner. Die Bewohner leben von der Landwirtschaft oder arbeiten in Fabriken in umliegenden Städten. Vormittags kommt ein Transporter mit frischem Gemüse ins Dorf, angekündigt von einem Trompetenspieler. Abends trampeln die Kühe über die Hauptstraße, wenn sie sich nach einem Tag auf der Weide selbstständig den Weg zurück in ihre Ställe bahnen. 2 der Kühe gehören Marya Atudoreis Vater, sie hilft ihm öfter beim Melken. Die junge Frau wohnt mit ihrer einjährigen Tochter bei ihren Eltern und verdient sich als Putzfrau etwas dazu. Im Dorf fühlt sie sich recht isoliert: "Die Jugendlichen hier verstehen mich nicht", sagt sie. Andere Mädchen in ihrem Alter gibt es kaum.

Das Tor zur Welt

Junge Rumänen © Andreas Müller
Junge Rumänen in Movile © Andreas Müller

Viele sind in eine Stadt oder ins Ausland gezogen. Sie selbst verbrachte ein paar Wochen zum Erdbeerpflücken in Deutschland und gerät ins Schwärmen, wenn sie von Bielefeld erzählt. Marya spricht ein wenig Englisch und kann so via Internet in Kontakt mit den Berliner Jugendlichen bleiben, die in den vergangenen beiden Wochen für einen Ferienausflug in Movile waren. Sie nutzt Google Translate, wenn sie die Übersetzung für ein Wort nicht weiß. Für Marya ist das Internet das vielzitierte Tor zur Welt.

Movile wird im Deutschen "Hundertbücheln" genannt. "Büchel" ist veraltet für Hügel, unweit des Dorfes stehen 99 dieser Büchel. Auf der 100. steht die Kirchenburg von Movile, einst zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert von Siebenbürger Sachsen gebaut.

Google-Street-View-Auto kehrte um

Die nächstgrößere Stadt ist Sibiu, bis Bukarest sind es 300 Kilometer. Will man Movile auf Google Maps finden, erscheinen zwar die richtigen Koordinaten, aber der falsche Name, "Iacobeni". Nach Movile kommt man nicht zufällig. Das Google-Street-View-Auto, das diesen Sommer auch durch Österreich gefahren ist, kehrte bei seinem Besuch im vorgelagerten Dorf Noistat um. Nach Noistat beginnt eine Schotterstraße, die nicht vermuten lässt, dass hier eine Siedlung folgt. 

Catalin Rafaila ist das egal. Für ihn ist Movile der schönste Ort, hier will er nach dem Schulabschluss bleiben. Sein Traum ist es, als DJ in der Region zu arbeiten. Am liebsten vertreibt er sich die Zeit nach der Schule damit, mit Freunden in der Gegend mit dem Rad herumzufahren. Heute hat er sich eine Schürfwunde zugezogen, die er gleich mit dem Handy abfotografiert. "Aber nur für mich", erklärt er, das ist nicht für seine Facebook-Timeline gedacht.

Gefüllte Paprika für die Fans

Doina Balau teilt mit anderen. Die 62-Jährige arbeitete früher als Köchin. Jetzt können Dorfbesucher bei ihr per Messenger Essen bestellen. Ihre Spezialität sind Ardei Umpluti, gefüllte Paprika. Doina Balau hat 1016 Facebook-Freunde und teilt vor allem Rezepte. Es ist schwer, in Movile Menschen zu finden, die nicht Teil des Netzwerks sind. Sogar der Schäfer ist seit heuer auf Facebook. 

Eurotours in den Rumänien

Andreas Müller © Andreas Müller

Autor: Andreas Müller 
Medium: derstandard.at
Eurotours-Ziel: 23. August bis 11. September 2017 (Rumänien)

Mehr Pferdewägen als Autos, aber Internet als Rumäniens Tor zur Welt 

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