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Michael Alfons: "Jugendarbeitslosigkeit, Steuerflucht, Klimaschutz und Außenpolitik verlangen längst nach europäischen Antworten"

Der gebürtige Niederösterreicher arbeitet in der Verwaltung des Europäischen Parlaments.

Michael Alfons

Steckbrief:

Name: Michael Alfons
Geboren am 28. August 1981 in St. Pölten
Seit 01/2012: Referent in der Direktion für die Beziehungen zu den nationalen Parlamenten, Europäisches Parlament, Brüssel
05/2009 - 01/2012: Pressereferent im Ausschuss der Regionen der Europäischen Union, Brüssel
10/2006 - 04/2009: Praktikum in der Europäischen Kommission in Brüssel; danach erste Jobs bei einer NGO und einem Wirtschaftsverband 
09/2005 - 06/2006: Postgraduate-Studium am College of Europe in Warschau-Natolin (Polen)
10/1999 - 01/2005: Studium der Kommunikationswissenschaft in Wien; 2003/04: Erasmus-Semester in Nancy (Frankreich)

Hobbies:

Lesen, Wandern, Tennis

Ein Blick zurück – einer nach vorn

Anfang 1995 war ich 13 Jahre alt. Neben der Schule bestand mein Leben aus Freunde treffen, Computer spielen, Tennis und Musik. Den Soundtrack für meine Jugend lieferten Bands wie Nirvana und Pearl Jam.

Den EU-Beitritt bekam ich damals natürlich mit. Mir war klar, dass das eine große Sache war, auch wenn ich die Details nicht kannte. Mir erschien es einleuchtend, dass Länder über Grenzen hinweg zusammenarbeiten statt sich alleine durchzuschlagen oder gegeneinander Krieg zu führen.

Denn ich kannte auch die Zeit davor: Im Unterstufenatlas, den ich schon in der ersten Klasse bekommen hatte, war noch die Sowjetunion eingezeichnet, auch Jugoslawien, wo ein schrecklicher Krieg herrschte. Wenn wir im Urlaub nach Italien oder Griechenland fuhren, mussten wir Grenzkontrollen passieren und dort Geld wechseln. Als mein Vater Anfang der 1990er eine Dienstreise nach Prag unternahm, kam mir das unendlich weit weg vor.

In meiner späteren Jugend beschäftigte ich mich auch kritisch mit der EU, aber die Interrail-Reise nach der Matura – 4 Wochen mit dem Zug quer durch Europa – weckte mein Interesse an Europa endgültig.

Ohne Grenzen

Heute arbeite ich in der Verwaltung des Europäischen Parlaments in Brüssel. Meine Kolleginnen und Kollegen kommen aus der gesamten EU, viele davon aus unseren östlichen Nachbarländern oder aus Slowenien und Kroatien. Wenn ich nach Österreich heimfliege, muss ich mir über Grenzkontrollen oder Geldwechseln keine Sorgen machen.

Das alles ist nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis vieler mutiger Entscheidungen. Österreich ist in den vergangenen 20 Jahren ins Zentrum Europas gerückt. Unser Land ist heute sicherer, wohlhabender und offener als damals. Darauf können wir mit Stolz zurückblicken.

Europa in der Welt

Wichtiger ist jedoch der Blick auf die nächsten 20 Jahre. Im Jahr 2035 werden Länder wie China, Indien oder Brasilien wirtschaftlich und politisch noch viel stärker sein als sie es heute schon sind. Schätzungen gehen davon aus dass dann circa 1,5 Milliarden Menschen mehr auf der Welt leben werden als heute, während die Bevölkerung in Europa nur leicht wachsen und deutlich altern wird.

Wie sollte in dieser Welt eine eigenständige österreichische Wirtschafts-, Klima- und Außenpolitik aussehen? Auf sich alleine gestellt wäre Österreich den Interessen der "Großen" schutzlos ausgeliefert. Ist es da nicht viel vernünftiger, nach gemeinsamen Lösungen für eine halbe Milliarde Europäer zu suchen und diese auch mitbestimmen zu können?

Denn dauerhaft werden wir unseren Lebensstandard und unser Sozialmodell nur bewahren können, wenn wir noch enger zusammenarbeiten. Jugendarbeitslosigkeit, Steuerflucht, Klimaschutz und Außenpolitik verlangen längst nach europäischen Antworten. Das Europäische Parlament, die einzige direkt gewählte Einrichtung der EU, muss dabei in allen Bereichen mitentscheiden können.

Die EU ist unsere einzige Chance, die Globalisierung nach unseren Vorstellungen mitzugestalten, statt von ihr überrollt zu werden. Meine Hoffnung für die nächsten 20 Jahre ist, dass wir diese Chance nützen.

Nirvana gab es auch schon 1995 nicht mehr. Aber Pearl Jam gibt es noch. Und wer weiß, vielleicht werden sie auch 2035 noch den Soundtrack für meinen Alltag liefern. Sie sind ja auf dem besten Wege, die nächsten Rolling Stones zu werden.

Ein Blick hinter die Kulissen

Wie bin ich zur EU gekommen?

Ich habe in Wien Kommunikationswissenschaft studiert, ein Erasmus-Semester in Frankreich verbracht und einen Master am "College of Europe" in Warschau absolviert.

Nach einem Praktikum in der Europäischen Kommission habe ich 2008 das Auswahlverfahren für EU-Beamtinnen und EU-Beamte bestanden, den sogenannten "Concours". In meinem Fall gab es mehr als 12.000 Bewerbungen, aus denen mittels standardisierter Tests 125 Kandidatinnen und Kandidaten ausgewählt wurden. Meine erste Station war dann die Presseabteilung im Ausschuss der Regionen der EU.

Wie sieht mein Arbeitsalltag aus?

Seit 3 Jahren arbeite ich jetzt im Sekretariat des Europäischen Parlaments, in der Abteilung für die Beziehungen zu den nationalen Parlamenten.

Wenn die EU große Gesetzesvorhaben plant, lädt das Europäische Parlament oft die Abgeordneten von Nationalrat, Bundestag & Co. nach Brüssel ein, um diese Vorschläge zu diskutieren. Ich organisiere solche Treffen und sorge dafür, dass die Logistik reibungslos funktioniert.

Die nationalen Parlamente verabschieden auch viele Stellungnahmen zu EU-Themen und können der Europäischen Kommission die "gelbe Karte" zeigen, wenn sie finden, dass sie ihre Kompetenzen übertritt. Wir sichten und analysieren diese Dokumente und stellen sie den Europaabgeordneten in einer Datenbank zur Verfügung.

Was vermisse ich in Brüssel?

Vor allem meine Familie und Freunde aus der Schul- und Studienzeit. Die Vielfalt der österreichischen Natur. Aber auch die Heurigen in meiner Heimatstadt Traismauer, die Wiener Theater oder das Horr-Stadion. Und natürlich heimische Spezialitäten wie Bauernbrot, Käsekrainer oder Marillenknödel.

Der Arbeitsplatz von Michael Alfons

Michael Alfons ist in der Verwaltung des Europäischen Parlaments in Brüssel tätig. Insgesamt arbeiten mehr als 6.000 Personen für das EU-Parlament. Ein weiterer Arbeitsort des Europäischen Parlaments – der einzigen direkt gewählten EU-Institution – ist Luxemburg. Die Plenartagungen des EU-Parlaments mit seinen 751 Abgeordneten finden in Straßburg statt. Die Wahl der EU-Abgeordneten findet alle 5 Jahre statt, zuletzt 2014. Österreich stellt 18 "Mitglieder des Europäischen Parlaments" (MEPs).

Der Reformvertrag von Lissabon (2009) hat die Mitwirkungsrechte des EU-Parlaments erheblich ausgeweitet. Es ist in fast allen Angelegenheiten der Gesetzgebung zum Beispiel gleichberechtigter Partner des EU-Rates und der EU-Kommission. Auch der Einfluss der nationalen Parlamente ist gewachsen – an dieser Schnittstelle zwischen EU-Parlament und nationalen Parlamenten ist Michael Alfons tätig. Seit 1993 sollen Themen auf EU-Ebene nur dann geregelt werden, wenn das nicht auf nationaler oder regionaler Ebene erreicht werden kann (Prinzip der Subsidiarität). Überschreitet die EU ihre Kompetenzen, können die nationalen Parlamente der EU-Kommission eine Rüge erteilen ("gelbe Karte").

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