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Richard Winkelhofer: "Wir sind auf dem richtigen Weg, aber noch lange nicht am Ziel"

Der Richter Richard Winkelhofer war zwei Jahre bei der EULEX-Mission im Kosovo tätig. Seit 2011 arbeitet der Jurist und Betriebswirt aus Wien in Brüssel, zunächst an der österreichischen EU-Vertretung, nun im Europäischen Auswärtigen Dienst.

Richard Winkelhofer

Berufliche Laufbahn:

Richard Winkelhofer, geboren 1966 in Wien, ist promovierter Jurist und Betriebswirt. Nach ersten Berufsjahren in der Versicherungswirtschaft (1993 - 1995) steht er seither in den Diensten der österreichischen Justiz. Nach seiner Ernennung zum Richter im Jahr 2000 kam er über das Bundesministerium für Justiz und das Bezirksgericht Mödling an das Landesgericht Wiener Neustadt. Seit 2011 ist er Richter des Oberlandesgerichts Wien. Von 2002 bis 2008 arbeitete er auch als Ehe- und Familienberater; kurzzeitige Einsätze zwischen 2004 und 2007 führten ihn als Wahlbeobachter in die Ukraine, nach Sri Lanka und nach Weißrussland, Einsätze als Trainer für Zivilrecht nach Rumänien.

Ende 2008 bis Ende 2010 war er Präsident der "Special Chamber of the Supreme Court of Kosovo" im Rahmen der EU-Rechtsstaatlichkeitsmission EULEX Kosovo. Mitte 2011 bis Mitte 2014 leitete Winkelhofer die Abteilung für Justiz in der Ständigen Vertretung Österreichs bei der Europäischen Union. Seit Mitte 2014 ist er "Rule of Law Advisor" beim Europäischen Auswärtigen Dienst.

Hobbies und Interessen:

Radfahren, Laufen, Fotografieren und Reisen

Brüssel war weit weg – auch als Richter in Österreich

Meine Welt hat sich verändert seit 1995. Ich hatte gerade bei der österreichischen Justiz begonnen und nach dem Wegfall der Zollschranken mein erstes Mountainbike in Deutschland gekauft. Das fand ich wirklich gut (das Rad, und seine Zollfreiheit). Okay, richtig gut wurde es erst 1997. Seitdem sind die Schlangen an den Grenzen Geschichte. Oder noch besser 2002, mit der Einführung der gemeinsamen Währung. Einkaufen über die Grenze ist Routine geworden.

Dass das alles an "Brüssel" lag, hatte ich zunächst eher teilnahmslos zur Kenntnis genommen. Brüssel war weit weg. Und wenn man von Brüssel hörte, dann meist nichts Gutes.

Auch lange nach 1995 war Brüssel weit weg. 2000 wurde ich zum Richter ernannt und hatte den Blick auf meine Karriere in Österreich gerichtet. Einige kurze Einsätze als Wahlbeobachter und Trainer hatten mir aber gezeigt, dass es als Richter auch jenseits der Grenzen Sinnvolles zu tun gibt.

Zwei Jahre Einsatz im Kosovo: Aktive Mitgestaltung der Justiz

2007 war erstmals die Rede davon, dass Österreich Richterinnen und Richter zu "EULEX Kosovo" entsenden würde, einer Mission der EU zur Unterstützung des vom Krieg gezeichneten Kosovo beim (Wieder-)Aufbau rechtsstaatlicher Strukturen. Nichts für mich, dachte ich zunächst, mein geregeltes Leben in der Heimat vor Augen. Dank der Überzeugungskraft und Unterstützung von Justiz, Familie und Freunden stand ich Ende 2008 dann doch am Flughafen von Pristina.

An der "Special Chamber of the Supreme Court of Kosovo", einem Gericht für Streitigkeiten aus der Privatisierung von Staatsunternehmen, bekamen wir die Chance, aktiv die Entwicklung der Justiz im Kosovo mitzugestalten. Plötzlich traf ich auf Leute, die sprichwörtlich vor dem Nichts standen, über deren Schicksal ein Gerichtsurteil wirklich entscheiden konnte, und deren schönstes Geschenk ein österreichischer Pass wäre. Das wäre mir, der von Geburt an einen hatte, ohne dafür etwas zu leisten (abgesehen davon, die richtigen Eltern zu finden), nicht gleich eingefallen.

Drei Jahre in Brüssel an der österreichischen EU-Vertretung

Nach etwas mehr als zwei Jahren im Kosovo war ich gerne wieder Richter in der Heimat, auch wenn die Umstellung auf manche "Luxusstreitigkeiten" – beredtes Zeichen für den hohen Standard in Österreich - einen geänderten Fokus erforderte.
Dass ich mich schon Mitte 2011 wiederum "in Europa" finden würde, hätte ich zunächst nicht gedacht. Das Leben im gemeinsamen Europa bietet manchmal eben ungeahnte Möglichkeiten... In der Ständigen Vertretung Österreichs bei der EU in Brüssel durfte ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen die Interessen der österreichischen Justiz vor Ort wahrnehmen, vor allem bei Gesetzgebungsvorhaben auf europäischer Ebene (etwa zu europaweiten Zuständigkeitsregeln für Gerichte, zur Zusammenarbeit in der grenzüber-schreitenden Strafverfolgung oder zur europäischen Patentgerichtsbarkeit).

Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Menschen

Seit Mitte 2014 arbeite ich für den Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD). Ich bin "nationaler Sachverständiger", wiederum entsendet von der österreichischen Justiz. Dort betreuen wir von Brüssel aus die EU-Missionen im Kosovo, in Afrika, im Nahen Osten und in Afghanistan. Ich sitze dabei Tür an Tür mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Mitgliedstaaten mit unterschiedlichsten beruflichen Hintergründen. Gemeinsam unterstützen wir die Gaststaaten bei der Stärkung ihrer Gerichte und Institutionen, bei der Verbesserung ihrer Gesetzgebung und allem mehr, was zu einem Rechtsstaat gehört. Gelegentlich reisen wir auch selbst in die Missionsgebiete.

Kein grantelnder Wiener Charme in Brüssel

Das Leben außerhalb meines Büros in Brüssel ist das in einer europäischen Großstadt, jenem daheim nicht unähnlich. Manches geht hier entspannter und toleranter zu, auch den grantelnden Wiener Charme sucht man vergeblich. Schlechte Bausubstanz und Wärmedämmung, bescheidene Trinkwasserqualität, das sprichwörtlich schlechte Wetter und immer wiederkehrende Streiks stehen auf der anderen Seite der Bilanz. Und natürlich sind Familie und Freunde nicht da. Fernab der Heimat wird einem überhaupt erst richtig bewusst, welche Annehmlichkeiten das Leben in Österreich bietet, wenn sie plötzlich fehlen. Missen will ich meine Erfahrungen im Ausland dennoch – oder gerade auch deshalb – keinesfalls.

Richter im Ausland: keine Selbstverständlichkeit

Für eine ("teil"-)europäische Karriere wie meine braucht es neben einem weitsichtigen Dienstgeber nichts Unmögliches: Neugier, passables Englisch, im Idealfall ein bisschen Französisch. Für eine wirkliche Beamtinnen- bzw. Beamtenkarriere in Europa wird die Luft schon dünner und an den Auswahlverfahren dafür nehmen nicht selten tausende Bewerberinnen und Bewerber teil. Persönlicher Einsatz und vielfältige Unterstützungsangebote machen aber auch da Unmögliches möglich.

Ich bin nach wie vor Richter und ich werde nach der Tätigkeit beim EAD gerne wieder als Richter arbeiten. Richter im Ausland zu sein ist keine Selbstverständlichkeit. Ich weiß die mir zuteil gewordene Unterstützung durch die Republik Österreich sehr zu schätzen. Gemeinsam haben wir die Möglichkeiten genutzt, die Europa bietet, und – so hoffe ich – auch gemeinsam davon profitiert.

Nicht alle profitieren in gleichem Maße von der EU – aber kaum echte Verlierer

Nicht jede, nicht jeder profitiert in gleichem Maße wie ich vom geeinten Europa, das ist mir schon klar. Ich reise gern, kaufe mit Vorliebe jenseits der Grenzen ein und habe große Freude daran, von meinen internationalen Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunden über deren Kulturen zu lernen. Aber auch jene, denen man einreden will, dass sie zu den Verlierern des geeinten Europa zählen, sind es selten: Fast alle profitieren von der stabilen Währung, vom gemeinsamen wirtschaftlichen Aufschwung, von hohen Umweltstandards, von Produkt- und Rechtssicherheit und, nicht zuletzt, vom Frieden in Europa. Allesamt Errungenschaften, die wir im Alleingang nicht schaffen würden.

Wer vermeint, dass offene Grenzen zuallererst dem Verbrechen Tür und Tor öffnen, dass Zuwandererinnen und Zuwanderer unser Sozialsystem aushebeln oder dass die gemeinsame Währung alles teurer gemacht hat, ist schlecht informiert oder ignoriert die Fakten aus Kalkül. "Die EU" (das sind zu einem Gutteil "unsere" Ministerinnen und Minister, die gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Mitgliedstaaten auf europäischer Ebene entscheiden) muss da bald einmal herhalten und Boulevardmedien freuen sich mit ihren Leserinnen und Lesern über jeden vermeintlichen EU-Schildbürgerstreich.

Europa muss Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gemeinsam angehen

Dass der eine oder andere echte Schildbürgerstreich "der EU" aus der Welt zu schaffen ist, ist keine Frage. Dass wir Europa näher an seine Bürgerinnen und Bürger bringen müssen, ebenso wenig. Wir sind auf dem richtigen Weg, aber noch lange nicht am Ziel. Ich träume von einem Europa, das mit engagierten Maßnahmen die anstehenden sozialen und Umweltprobleme angeht, von einer echten gemeinsamen Außenpolitik und von der Überwindung nationalstaatlichen Eigensinns, wo er dem gemeinsamen Vorankommen entgegensteht. Nicht weniger "EU" kann die Lösung für die größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sein, sondern mehr, mehr Gemeinsames vor Trennendem, mit größerem Gewicht für alle. Wohin Nationalismus und Eigensinn führen, haben uns die vergangenen Jahrhunderte schmerzvoll gelehrt.

Ausländerinnen und Ausländer sind die "wahren Heldinnen und Helden unserer Zeit"

Ich bin dankbar, dass ich in Österreich geboren wurde, für meine Familie und Freunde, und dafür, dass ich in einem friedlichen und prosperierenden Europa leben darf, für das unsere Mütter und Väter hart gearbeitet haben. Ich würde mir wünschen, dass diese Errungenschaften auch wahrgenommen und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln verteidigt werden. Ich würde mir auch wünschen, dass all jene, die selbstherrlich über "die Ausländer" in unserem Land urteilen, sich selbst für eine Zeit zu Ausländern machen und am eigenen Leib verspüren, wie schwierig das Leben auf einmal sein kann. Dabei denke ich nicht so sehr an entsendete öffentlich Bedienstete wie mich, die auf die wohlwollende Unterstützung ihrer Heimatbehörden zählen können, sondern an diejenigen, die mutig und auf sich allein gestellt ihr Glück fernab der Heimat suchen müssen, weil sie es daheim nicht finden können. Das sind die wahren Heldinnen und Helden unserer Zeit. Europa bietet den Stoff für ihre Heldentaten.

Der Arbeitsplatz von Richard Winkelhofer

Richard Winkelhofer arbeitet als nationaler Sachverständiger, entsendet von der österreichischen Justiz, für den Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD) in Brüssel. Von dort betreuen er und seine Kolleginnen und Kollegen die EU-Missionen im Kosovo, in Afrika, im Nahen Osten und Afghanistan.

Der EAD unterstützt die EU-Außenbeauftragte (aktuell Federica Mogherini) in ihrer Tätigkeit. Die Zentrale des EAD befindet sich in Brüssel und ist mit knapp 140 Delegationen und Büros in Drittstaaten (Ländern außerhalb der EU) und bei Internationalen Organisationen vertreten. Insgesamt hat der EAD über 3.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, von denen die meisten in den EU-Delegationen weltweit arbeiten.

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