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Thomas Wieser: "Gestalten muss man zu Hause und in Brüssel"

Der ehemalige Mitarbeiter im Finanzministerium ist Chef-Koordinator der Eurogruppe und damit "Mister Euro".

Thomas Wieser

Steckbrief:

Geboren 1954 in Bethesda, USA; Schulbesuch und Universitätsabschluss in Ökonomie in Österreich, danach postgraduale Studien (Ökonomie) in den USA und am Institut für Höhere Studien in Wien. Danach Tätigkeit in einer Bank im Bereich Exportfinanzierung, gefolgt von der Mitarbeit an wissenschaftlichen Projekten. 1985 bis 1989 Ökonom in der EFTA in Genf, danach im Bundesministerium für Finanzen (BMF) in Wien. 1999 bis 2012 Sektionschef im BMF (Wirtschaftspolitik und Finanzmärkte, Internationale Wirtschaftspolitik). Seit 2012 in Brüssel als Vorsitzender der Euro Working Group. Seit 1990 Vorsitzender unterschiedlicher internationaler Gremien, etwa OECD Committee on Financial Markets (2005 bis 2009), Economic and Financial Committee der EU (2009 bis 2011, sowie ab 2012).

Österreichs EU-Beitritt - "ein Aufreißen aller Fenster, um frische Luft hereinzulassen"

Viele Österreicherinnen und Österreicher meiner Generation und meines Bekanntenkreises waren vehemente Befürworter eines EU-Beitrittes. Wir erhofften, dass wirtschaftspolitische Entscheidungen nach rationaleren Kriterien fallen würden – nicht primär im Interesse wohl etablierter Interessensgruppen. Dies würde, so unsere Überlegung, zu einem offeneren und rationaleren Diskurs über politische Prioritäten und Entscheidungen führen. Wir verglichen dies damals mit dem Aufreißen aller Fenster im Frühjahr, um frische Luft hereinzulassen. Wir waren daher auch voller Zuversicht, dass wir – Österreich – gezwungen sein würden, Ziele klar zu definieren und zu artikulieren. Wie anders, so dachten wir damals, kann man denn ansonsten Verhandlungen in Brüssel führen, wenn man nicht klar sagt, was man will. Und all dies, so unser nächster Gedankenschritt, würde zu einem offenen, internationalen, toleranten und dynamischen Österreich beitragen. Manches kam, manches nicht. Aber es zeigt auch, wie viel man selber – als Einzelner, als Region, und als Mitgliedstaat – nach wie vor dafür verantwortlich ist, wie es einem geht und was man für Zukunftsaussichten hat. Gestalten muss man zu Hause und in Brüssel.

Gemeinsame Verantwortung, gemeinsame Regeln

Die große Herausforderung des nächsten Jahrzehntes ist jedoch, wie wir mit den enormen Herausforderungen der Globalisierung umgehen werden. Erst die Krise der letzten 5 Jahre hat klar ans Licht gebracht, dass die Verwerfungen in vielen Mitgliedstaaten sehr viel damit zu tun haben, welche Spuren die Globalisierung in unseren Volkswirtschaften, auf unseren Arbeitsmärkten, in unseren öffentlichen Haushalten, in unseren Sozialsystemen hinterlassen hat. Und dies war erst der Anfang.

Die Internationale Arbeitsorganisation (International Labour Organization, ILO) hat kürzlich festgestellt, dass die Fiskalpolitik der Industriestaaten das Ende ihrer Fähigkeiten erreicht habe, die dadurch entstehenden Ungleichheiten abzufedern. Dies erfordert von jedem einzelnem Mitgliedstaat eine Reorientierung seiner Wirtschaftspolitik. Das ist am ehesten erzielbar, wenn dies auf Basis einer gemeinsamen Analyse, und eines gemeinsamen Ansatzes erfolgt. Wenn man dies als gemeinsame Aufgabe, als gemeinsame Verantwortung versteht – in dem Sinne, dass die Wirtschaftspolitik Deutschlands erhebliche Auswirkungen in seinen Nachbarstaaten hat (was jeder weiß) und dass die Wirtschaftspolitik Österreichs auch (nicht ganz so große) Auswirkungen in seinen Nachbarstaaten hat (was nicht jeder weiß). Gemeinsame Verantwortung bedeutet daher, sich auch an gemeinsame Regeln zu halten.

Mitarbeit als Privileg

An diesen Aufgaben mitarbeiten zu können wird mir täglich als Privileg bewusst. Ich bin auch in einer Sondersituation, da ich nicht direkt in der Hierarchie einer der Institutionen arbeite. Mein Chef ist der Vorsitzende der Eurogruppe – zuerst war dies Jean Claude Juncker, und nun ist das Jeroen Dijsselbloem. Meine Aufgabe ist es, sämtliche Arbeiten der Eurogruppe so vorzubereiten, dass die Ministerinnen und Minister sich nur noch mit den politisch relevanten und brisanten Themen auseinandersetzen müssen. Dies erfolgt in den Ausschüssen, deren Vorsitzender ich bin und wo die Generaldirektoren beziehungsweise Staatssekretäre aus den Finanzministerien zusammen kommen. In der Krise war dies wöchentlich der Fall, häufig auch an den Wochenenden, wenn es im griechischen (oder anderen) Programm(en) besondere Probleme gab.

Anderes Land, andere Menschen, andere Sensibilitäten

Neben der Arbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus vielen Kulturen ist es auch bereichernd, in einem anderen Land zu wohnen, andere Gewohnheiten kennenzulernen, andere Menschen, andere Sensibilitäten. Und ein unerwartet riesiges Kulturangebot in Belgien versüßt dies noch. Dass meine Frau nach ihrer Pensionierung auch hier in Brüssel sein kann, ist natürlich ein wesentlicher Faktor für mich, ansonsten hätte ich diesen Job nicht angenommen. Unser Sohn studiert in Deutschland Chemie. Insofern sind wir alle 3 stets auf Achse.

"Brüssel" ist vielen Österreicherinnen und Österreichern fern

Ich nehme natürlich nach wie vor wahr, dass "Brüssel" vielen Österreicherinnen und Österreichern sehr fern ist. Dies ist keine Besonderheit Österreichs, aber doch deutlich stärker ausgeprägt als etwa in Deutschland. Dies hat wohl auch mit den Medien zu tun, die sich – Ausnahmen bestätigen die Regel – sehr oberflächlich und anekdotisch mit der EU auseinandersetzen. Dies hat auch mit der Politik zu tun, wo Europa von vielen – viele löbliche Ausnahmen – nur am Sonntag als Chance, aber unter der Woche als Eingriff in die Privatsphäre Österreichs aufgefasst wird. Es erscheint als schwerer Fehler oder Mangel, dass die nationalen Parlamente sich de facto völlig von "Brüssel" und "Straßburg" verabschiedet haben. Dies ist eine logische Folge der Stellung des EU-Parlaments, hat aber de facto zu einer Renationalisierung des nationalen Parlamentarismus geführt, mit allen Gefahren einer Isolierung. Dies spürt man deutlich im Diskurs der nationalen Parlamentarierinnen und Parlamentarier mit der Bevölkerung. Und erklärt vielleicht teilweise die Distanz der Bürgerinnen und Bürger.

Der Arbeitsplatz von Thomas Wieser

Thomas Wieser ist seit 2012 Chef-Koordinator der Eurogruppe, dem Gremium der 19 Euro-Finanzministerinnen und -minister. Seine Aufgabe ist es, die Entscheidungen der Finanzministerinnen und Finanzminister vorzubereiten. Seit 2010 wurden in diesem Rahmen auch die Hilfsprogramme für Griechenland, Irland, Zypern, Portugal und Spanien vereinbart. In der "Eurogroup Working Group" (EWG) – so der offizielle Titel – treffen Vertreterinnen und Vertreter der Eurozonen-Staaten, der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank zusammen. Meist passiert dies einmal pro Monat in Brüssel.

Eurogroup Working Group

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