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TV-Reportage: Bulgariens Grenzzaun

Im Zuge des Wahlkampfes war oft von der Schließung der Balkanroute und der Sicherung der EU-Außengrenze die Rede. Die Puls4-Reporter Tina Goebel und Christoph Krammer haben deshalb die Grenze von Bulgarien zur Türkei besucht und einen Lokalaugenschein gemacht. Dort bereitet man sich schon auf den nächsten Flüchtlingssturm vor.

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Reporterin Tina Goebel: Die EU-Außengrenze von Bulgarien zur Türkei. Wenn von der Balkanroute gesprochen wird, dann ist damit dieser 247 Kilometer lange Grenzzaun gemeint, der auch hier von den Behörden nur als bauliche Maßnahme bezeichnet werden darf.

Deyan Mollov, Direktor der bulgarischen Grenzpolizei: Nachdem wir den Zaun gebaut haben, wurde der Migrationsstrom von der türkischen Grenze um 84 Prozent für 2017 reduziert.

Flüchtlingskinder in einem Klassenzimmer © Tina Goebel

Tina Goebel: 160 Millionen Euro hat die EU für den Grenzschutz hier in Bulgarien bewilligt. Ganz dicht ist die Route jedoch noch nicht. Während im Jahr 2015 noch rund 850 000 Flüchtlinge von Syrien, Afghanistan und dem Irak über Bulgarien gekommen sind, so waren es heuer bislang nur noch rund 27 000.

Der Zaun ist eine Geldverschwendung findet die Direktorin des Helsinki Komitees für Menschenrechte in Bulgarien. Es sei alleine dem EU-Türkei-Deal geschuldet, dass weniger Flüchtlinge nach Bulgarien kommen.

Iliana Savova, Direktorin des Helsinki-Komitees Bulgarien: Was die Einhaltung dieses Deals betrifft und die Sicherung der Grenzen, was ein essentieller Teil dieses Deals ist, dann glaube ich nicht, dass wir Herrn Erdogan hier trauen können.

Tina Goebel: Savova traut Erdogan zu, dass er die 2 Millionen Flüchtlinge, die sich derzeit in der Türkei aufhalten, auf einmal nach Europa durchwinken würde, wenn er Druck auf die EU ausüben will. Auf ein solches Szenario bereitet man sich in Harmanli vor – dem größten Flüchtlingslager in Bulgarien.

Obwohl sich gerade einmal 417 Flüchtlinge hier aufhalten und die Kapazitäten nur zu 15 Prozent ausgeschöpft sind, wird ein zusätzliches Containerdorf gebaut.

Slavcho Ianev, Direktor des Flüchtlingslagers Harmanli: Die Analyse legt nahe, dass es heuer keinen Ansturm geben wird, aber wir sind vorbereitet.

Tina Goebel: Doch wie geht es den wenigen Flüchtlingen, die hier untergebracht sind? Die Baracken sind schäbig und teilweise abrissreif. Seit die Caritas und die UNICEF (Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen) hier sind, sind die Bedingungen zumindest etwas besser geworden. Die Kinder gehen in die Schule.

Hier unterrichtet Sonia. Sie lebt mit ihrer insgesamt siebenköpfigen Familie in einem einzigen Raum. Vor über einem Jahr sind sie aus Afghanistan geflüchtet. Die Hoffnung auf einen positiven Asylbescheid sinkt.

Sonia, ist aus Afghanistan geflüchtet: Niemand verlässt gerne sein Land, seine Leute, seine Kultur, seine Sprache – einfach alles. Natürlich haben wir Probleme, deshalb sind wir hier. Wenn wir zurückkehren, dann bringen sie uns um.

Flüchtlingskind im Lager Harmanli © Tina Goebel

Tina Goebel: Doch für Afghanen sind die Chancen, Asyl zu bekommen, gering. Zusätzlich werden immer mehr Flüchtlinge nach Bulgarien wegen der Dublin-III-Verordnung abgeschoben.

Ivan Cheresharov, Leiter des St. Anna Integrationszentrums in Sofia: Die Mehrheit der Flüchtlinge, die unter Dublin zurückgebracht werden nach Bulgarien, ist aus Deutschland und Österreich. Es sind viel mehr Anfragen darüber, was mit ihnen passiert, denn sie dürfen nicht rein in die Asylzentren und wenn sie kein Geld haben, sind sie praktisch obdachlos.

Tina Goebel: Doch obdachlos sein oder unter diesen Bedingungen leben, ist für viele Menschen dennoch die bessere Option als Krieg, Verfolgung und Tod.

Und wenn der EU-Türkei-Deal brechen und Erdogan die 2 Millionen Flüchtlinge in seinem Land mobilisieren sollte, dann kann sie wohl nicht einmal so ein Grenzzaun aufhalten.

Martin Schauhuber

Autorin: Tina Goebel (Kamera: Christoph Krammer)
Medium: Puls 4
Eurotours-Ziel: 11. bis 15. September 2017 (Bulgarien)

TV-Reportage: Bulgariens Grenzzaun (TV-Reportage auf Puls 4)

Weiterer Beitrag des Teams:
TV-Reportage: Bulgarien und die Fake News

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