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Weltweit arbeiten – da, wo man glücklich ist

Karoli Hindriks (34) leitet Jobbatical, eines der erfolgreichsten estnischsten Start-ups. Im Interview spricht Hindriks vom Zeitalter der Mobilität, erklärt, warum Estland ein Magnet für Talente ist und appelliert als Mutter, Kinder im Umgang mit Informationstechnik (IT) zu erziehen.

Karoli Hindriks © Julia Slamanig

Ein Beitrag von Julia Slamanig (Kleine Zeitung) für eurotours 2017

Jobbatical vermittelt IT-Jobs auf der ganzen Welt für 3 bis 12 Monate. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich war an der Singularity University im Silicon Valley, wo wir ständig über großartige Technologien gesprochen haben, aber kaum über Menschen, die diese Technologien machen. Ins Silicon Valley nach Kalifornien kommen die besten IT-Experten der Welt, um diese erfolgreichen Firmen aufzubauen. Warum verteilen wir solche Talente nicht auf verschiedene Orte und bauen kleine Silicon Valleys auf der ganzen Welt? Meine Idee war, mit Jobbatial durch diese Experten Wissen und Können zu verbreiten. Man kann Drohnen mit Medizin nach Afrika schicken oder es gehen tatsächlich Menschen da hin. Menschen können etwas bewirken.

Über 100 000 IT-Experten sind auf Ihrer Plattform registriert auf der Suche nach einem Jobbatical, Tendenz nach oben. Warum steigt die Motivation, zum Arbeiten ins Ausland zu gehen?

Wir leben im Zeitalter größter Mobilität. Jede 7. Person auf der Erde ist ein Migrant. Reisen ist einfacher als jemals zuvor. Dadurch müssen wir auch nicht mehr unbedingt Freunde haben, die in unserer Nähe sind. Wir sind mit Menschen auf der ganzen Welt in Netzwerken wie Facebook und Linkedin verbunden. Früher bauten Menschen ihre Karriere auf Möglichkeiten in ihrer Nachbarschaft auf. Wenn man in einem Dorf in Österreich lebte, orientierte man sich zum Beispiel an einem Betrieb, der im nächsten Ort war. Heute müssen Menschen nicht mehr da arbeiten, wo sie geboren sind, sondern können da arbeiten, wo sie glücklich sind.

Warum sind Sie in Estland geblieben, obwohl Sie an vielen Orten der Welt arbeiten könnten?

Die Benutzerfreundlichkeit in Estland ist großartig – egal ob für Esten oder für Menschen, die aus anderen Ländern hierher ziehen. Es dauert 10 Minuten, um eine Firma zu gründen. Ich habe Jobbatical in einem Café etwa 500 Meter von hier entfernt im Internet gegründet. Ich musste mich nur einloggen, 180 Euro zahlen und dann hatte ich meine Firma. Heute hat Jobbatical Nutzer aus über 150 Ländern. Ende September haben wir Investitionen von vier Millionen Dollar bekanntgegeben.

Fast 500 estnische Start-ups listet die Regierungsinitiative "Startup Estonia". Warum ist Estland eines der Länder mit den meisten Start-ups?

Estland baut Barrieren ab und macht es Start-up-Gründern so einfach wie möglich. In Estland verschwendet man kaum Zeit für etwas, das mit dem Staat zu tun hat. Wenn man mit öffentlichen Ämtern länger als 10 Minuten beschäftigt ist, ist man frustriert. Meine letzte Steuererklärung machte ich am Weg von Singapur nach Japan am Flughafen in Korea online in 2 Minuten. In Estland muss man keine Zeit für Dinge verschwenden, für die man keine Zeit verschwenden sollte. Deswegen kann man sich darauf konzentrieren, seine Firma aufzubauen, oder seine Familie und sein Leben. Außerdem hat Estland flache Hierarchien. Es ist in Ordnung, mit dem Präsidenten zu sprechen. Und es dauert nicht 40 Jahre, um vom Sekretär zum CEO aufzusteigen. Jeder kann beweisen, dass er gut ist.

Seit einem Jahr hat Estland ein Start-up-Visa eingeführt, um Menschen aus anderen Ländern möglichst einfach und rasch anstellen zu können. Welche Motivation steckt dahinter?

Estland hat verstanden, dass der Staat mithelfen muss, gute Talente ins Land zu bringen. Länder kämpfen um Talente. Wenn ein Land sich nicht darum bemüht, werden andere Länder die Talente wegschnappen. Welche Wirtschaft erfolgreich sein wird, hängt davon ab, wohin die Talente gehen. Um eine gute Wirtschaft aufzubauen, muss man ein Magnet für die besten Talente der Welt sein.

Wie kann ein Land zum Magnet für Talente werden?

Man muss auf Benutzerfreundlichkeit setzen wie Estland. Es ist einfach hierherzukommen, hier zu leben, Teil der Stadt und der Menschen zu sein. Länder und Städte müssen realisieren, dass es in ihrer Verantwortung liegt, attraktiv zu sein. Wir wollen, dass die besten Talente hierher kommen und uns helfen dieses Land aufzubauen, deswegen schaffen wir Barrieren ab und machen es ihnen so einfach wie möglich.

Welche Auswirkungen hat es, wenn Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenarbeiten?

Menschen ähnlicher Herkunft denken meist ähnlich. Diversität schafft eine kreativere Umgebung, weil Menschen unterschiedliche Denkweisen haben und gemeinsam die besten Lösungen finden. Wir sind in Europa aber nicht gut darin, inklusiv zu sein.

Bei Jobbatical arbeiten 29 Menschen aus 12 Nationen. Was machen Sie für ein inklusives Umfeld?

Inklusiv bedeutet, dass wir anderen erlauben, ihre Gedanken und Erfahrungen zu teilen und sich nicht unseren Denkweisen anpassen zu müssen. Wenn wir das nicht erlauben und nicht zuhören, lernen wir auch nicht von anderen Kulturen. Ich erzähle Ihnen von einem Erlebnis, das mich sehr berührt hat. Wenn ein neuer Mitarbeiter bei Jobbatical beginnt, haben wir ein gemeinsames Team-Mittagessen. Als unser Ingenieur aus Saudi Arabien neu zu uns gekommen ist, war Ramadan, der Fastenmonat der Muslime. Zuerst wollten wir das Essen absagen, doch dann machten wir es trotzdem und daraus wurde ein stundenlanges Frage-Antwort-Szenario, bei dem wir so viel von ihm lernten. Das war eine sehr bewegende Erfahrung.

Was hat Sie persönlich für andere Kulturen, für die Welt geöffnet?

Als ich ein Kind war, waren wir in der Sowjetunion, Estland war Teil der Sowjetunion. Ich erinnere mich daran, als die Panzer das Land verlassen haben. Wir hatten nichts, die Geschäfte waren leer. Und wir hatten keine Idee, was vor sich ging in der Welt außerhalb der Sowjetunion. Wir waren unterdrückt und arm. Und heute gebe ich wöchentlich Interviews über die estnische Erfolgsgeschichte, obwohl es dieses Land vor 30 Jahren noch nicht einmal gab. Deswegen glaube ich an Offenheit.

Jobbatical vermittelt Jobs im IT-Bereich. Während dieser Sektor boomt, fürchten Menschen durch technologische Entwicklungen ihre Jobs zu verlieren.

Menschen fürchten sich davor, dass Roboter uns Jobs wegnehmen. Roboter übernehmen aber automatisierte Tätigkeiten, wodurch wir freie Zeit gewinnen, um das zu tun, wofür wir geboren sind – wir können unsere Kreativität nutzen. Indem Roboter unnütze Tätigkeiten erledigen, werden Kapazitäten für uns frei, um kreativ zu werden und zu lernen.

Heutzutage ist es viel einfacher zu lernen und schlau zu werden als jemals zuvor. Wenn man eine Internetverbindung hat, hat man Zugang zu Bildung, die so billig ist wie niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Laut Statistiken haben Teenager in Nigeria mit einem Smartphone heute besseren Zugang zu Informationen als Bill Clinton in seiner Zeit als Präsident. Aber diese Chance ist zugleich eine Herausforderung.

Wie können wir diese Herausforderungen meistern?

Wir müssen besser darin werden, Kinder zu erziehen, wie sie Technologien nutzen sollen. Wir erziehen Kinder dazu, nicht zu viele Süßigkeiten zu essen, Sport zu machen, die Kleidung nicht auf den Boden zu werfen. Sie sollen also bestimmte Verhaltensregeln akzeptieren, um ein besserer Mensch zu sein. Dabei denken wir aber nicht an Technologien. Technologien haben sich so rasch entwickelt, dass wir keine Regeln dafür entwickelt haben, wie wir sie nutzen sollen.

Sie sind selbst Mutter. Wie gehen Sie mit diesem Problem um?

Ich erlaube meiner Tochter nicht, den ganzen Tag Katzenvideos zu schauen. Das ist dasselbe, als würde ich ihr erlauben, Wände zu bemalen, den Müll auf den Boden zu werfen, den ganzen Tag Eiscreme zu essen. Wir müssen besser darin werden, Kinder zu erziehen, wie sie Technologen nutzen sollen. Sie sollen nicht so viel Süßigkeiten essen, weil sie sonst dick werden. Sie sollten nicht so viele Katzenvideos schauen, weil sie sonst nichts lernen werden. Wir müssen die Gesellschaft dahin erziehen, dass Eltern, Lehrer und andere Erziehungspersonen ihre Verantwortung in diesem Bereich erkennen.

Eurotours in den Estland

Julia Slamanig © Julia Slamanig

Autorin: Julia Slamanig 
Medium: Kleine Zeitung
Eurotours-Ziel: 27. September 2017 bis 1. Oktober 2017 (Estland)

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Früher die Rockband, heute das Start-up

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