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Wie ein Chip unter der Haut die Welt verändert

Mitarbeiter des belgischen Unternehmens "New Fusion" haben sich einen RFID-Chip implantieren lassen. Sie sehen sich als Pioniere einer neuen Welt. Zu Besuch in Walem.

Symboldbild © Pixabay

Wenn man aus der europäischen Hauptstadt hinausfährt, vorbei am Industriegebiet, wo Bauarbeiter vor Containern rauchen und hunderte Autoskelette geschachtelt sind, gelangt man nach einer knappen halben Stunde Mechelen. Kellogs produziert hier seine Pringles, eine der ältesten Brauereien des Landes hat hier ihren Sitz und zuletzt las man von der 90 000-Einwohnerstadt, weil Bürgermeister Bart Somers in seinen 15 Jahren Amtszeit die verwahrloste, kriminelle Stadt wieder aufrichtete und dafür Anfang des Jahres mit dem World Mayor Prize ausgezeichnet wurde.

2 Monate davor, am 9. Dezember 2016, war der Andrang der nationalen und internationalen Presse in Mechelen, genauer gesagt in einem Garagenbüro des Vororts Walem, aus einem ganz anderen Grund groß. In Neuseeland, Kanada und Usbekistan wurde berichtet. Vincent Nys spricht von 30 Kamerainterviews, die er gegeben habe und von 120 Millionen Menschen, die seine Aktion erreicht hätte. So viele Leute haben mitbekommen, dass sich der 27-jährige Unternehmer und 7 seiner Angestellten damals einen RFID-Chip zwischen Daumen und Zeigefinger implantieren ließen.

Für den anspruchsvollen Biohacker

Die Startup-Typen tun diese Sache als lustige, verrückte Idee ab. Wie bei Google will Nys in seiner Firma "New Fusion" Teamgeist und Kreativität ankurbeln, indem jedes Monat ein Mitarbeiter eine Idee vorstellt und am Monatsende die Umsetzung. Für diese Sonderprojekte gibt es Extrazeit für Brainstorming. Und da schlug jemand vor, das Problem der verlorenen Büroschlüssel zu lösen: Sie programmierten ihre Handys zu Türöffnern um und ließen sich Schlüsselkarten anfertigen. In einem Freitagsmeeting hatte jemand den Einfall: "Wir implantieren uns einfach so einen Chip!"

Diese Kupferkapsel, klein wie ein Reiskorn, fanden sich auf der wenig vertrauenswürdig klingenden Website "dangerousthings.com". Unter dem Claim "Benutzerdefinierte Gadgets für den anspruchsvollen Biohacker" verkauft Amal Graafstras Biohacking-Produkte wie Skalpelle, Bandagen, Schmerztherapie-Materialien – was man ebenso  für die futuristische Körperdeformierung benötigt.

Bitcoin in der Hand

Vincent Nys © Juliane Fischer

Transponder, die mit elektromagnetischen Wellen funktionieren, gibt es hier auch. Üblicherweise chippt man damit Haustiere, verwendet sie in der Bankomatkarte oder beim Ski-Lift. 800 Kilobyte Speicherplatz passen auf den Chip – für die Visitenkarte oder die Kryptowährung, Passwörter, To-Do-Listen und den Zugang zum Drucker. Ein "New Fusion"-Mitarbeiter hat nun tatsächlich wortwörtlich seine Bitcoin in der Hand. "In unserer idealen Welt haben alle Menschen eine Identifikationsnummer", sagt der Chef, "um alles zu entsperren".

Das Unternehmen sieht sich als Vorreiter für den Schritt in die neue vernetzte Welt. Tickets für die öffentlichen Verkehrsmittel könnte man sich sparen, wenn man sagt: Speichere deine Ticket am Handy, Tablet oder im Finger! Die Schwedische Bahn experimentiert schon damit. Selbiges gilt für Schlüsselkarten im Hotelzimmer. Außerdem könne man Waffen auf diese Art sperren und somit kindersicher machen oder medizinische Informationen wie die Blutgruppe direkt am Körper speichern.

2 Sekunden Injektionsnadel unter der Haut

"In den Niederlanden entsperren manche ihre Scooter damit", erzählt Nys. Von dort flog er einen Tätowierer ein, der ihnen die Chips unter die Haut spritzte. Der belgische Hausarzt wollte diese Aufgabe nicht übernehmen. Er war sich nicht sicher, ob er das darf. Schließlich fand die Angelegenheit sogar ihren Weg ins belgische Parlament. "Niemand hatte darüber nachgedacht und man wusste nicht, wie man handeln sollte", sagt der Vincent Nys, sichtlich überlegen, aber gleichermaßen besorgt. Amal Graafstra darf in den USA verkaufen. Er hat seine Erlaubnis von der US-amerikanischen Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde (FDA). Dort meinte man: "Wir haben schon Tests gemacht für Feuerwehrmänner und die Armee."

Nys nimmt sich selbst als cooler Typ wahr, der innovativ sein will und etwas Digitales probieren möchte. In der Außenwahrnehmung wurde er oft zum Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter zu dieser Maßnahme zwingt. "Wenn du nicht technisch interessiert bist, dann entscheidest du dich nicht in 2 Sekunden dafür", sagt er. "Für uns war das Spaß, Teamspirit, Zusammenhalt. Dann kamen die anstrengenden Fragen: Ist das legal? Habt ihr eine Genehmigung? Tun das wirklich alle freiwillig?

Unsere Privatsphäre haben wir längst abgegeben

"Ich dachte, alle würden stolz sein, aber die Reaktionen waren eher ängstlich und angewidert", berichtet er. Mehr als 200 wütende E-Mails habe er bekommen, aber auch anerkennende von Firmen, die die Zusammenarbeit suchten und von Freaks, die meinten "Cool, ich will auch ein Roboter sein!" Vincent Nys findet: "Sie alle gehen wählen und bestimmen unsere Zukunft. Sie sollten wissen, wovon sie reden." Ihm gehen die Vergleiche mit George Orwells Roman "1984" auf die Nerven. Er kritisiert die Verhältnismäßigkeit: "Das ist fiktiv, was aber stimmt ist: Wir leben schon jetzt in einem absoluten Gefängnis. Unsere Privatsphäre haben wir alle längst an Google und Facebook abgegeben in den vergangenen 10 Jahren". Im Gegenzug dazu bekamen wir ihre freien Dienste  – den E-Mail-Account oder das soziale Netzwerk. "Natürlich sollten wir über all das Nachdenken, aber auf einem ganz anderen Level", meint Nys. Schließlich hätten wir uns freiwillig für diese Dienste entschieden. Er setzt große Hoffnungen auf die Datenschutz-Grundverordnung und wünscht sich "ein zentrales System, wo all unsere Daten gesammelt sind". Momentan wüssten wir nicht, wo unsere Daten sind – manches bei Facebook, anderes bei Google und viele Websites hätten unsere Passwörter. "Es wäre schön, wenn all meine personalisierten Daten in meiner eigenen Cloud wären, nicht bei anderen", findet der Unternehmer. Gleichzeitig erwähnt er selbst ein fiktives Beispiel: Matrix, einst reine Science Fiction, sei nun schon teilweise Realität. "Wir können zwar keine Pistolenkugel mit unserem Gehirn stoppe, aber Touchscreens, Nanoroboter und selbstfahrende Autos gibt es mittlerweile.

Der 27-jährige Vincent Nys beschreibt sich als Young Entrepreneur, Technology ‘Guru’ , Innovation Geek und Pionier der smarten Welt. Blutleer, ausdruckslos, symmetrisch, wie eine computeranimierte Figur wirkt er auf seinem Foto, bewusst in Roboter-Ästhetik. Selbst "Digital Native” der Y-Generation, beobachtet er bei den Jüngeren eine rasante Entwicklung: "Wenn mein Neffe zu mir kommt, ist das erste, was er tut am Fernseher herumdrücken und -wischen. Zeigst du ihm ein Fotoalbum, will er in die Bilder hineinzoomen", erzählt Nys. Besonders im Marketing geht es ihm darum, Menschen auf ihren Kanälen und demselben technischen Level mit der Haptik des Digitalen Zeitalters zu erreichen.

Ihn frustriert, dass die neuen Technologien – Nahfeldkommunikation über  RFID-Chips und Drohnen zum Beispiel – so viel möglich machen, aber nur oberflächlich genutzt werden. "Große Kooperationen buttern da massenhaft Geld hinein, für einen Berater, der nur sagt: 'Ihr müsst die Digitalisierungstransformation mitmachen. Es ist eine Revolution! Wenn ihr nicht auf den Zug aufspringt, seid ihr in wenigen Jahren weg vom Fenster.'"

'Proximus' plant Campus für Millennials

Der größte belgische Telekommunikationskonzern 'Proximus' nimmt diese Vorwürfe ernst. Er plant einen Campus für Millennials – Leben, Arbeiten und Entspannen in einem Areal. In dieser Vision werden die Bewohner mit Gesicht- und Nummernschilderkennung registriert. Eine App vereint alle anderen Apps. Sie kontrolliert Zuhause, Kalender, Büro und Email-Posteingang. Interaktive LEDs leuchten den Weg, wenn sich jemand nähert. Eine persönlicher Artificial-Intelligence-Assistenz sagt dir vor dem Meeting, was er über den Verhandlungspartner im Internet gefunden hat: "Du triffst jetzt John. Er ist ein Fan vom FC Barcelona, Smalltalk über Fußball ist angesagt!"

Ein System soll in dieser Stadt der Zukunft vermelden, wenn ein Mülleimer voll ist. Öffentliche Grillplätze kann man online bestellen, mit dem Handy aufsperren und Rating abgeben, wie sauber der Platz war. Vieles davon könnte natürlich zusammenlaufen in einem kleinen Chip. So wie ihn Vincent Nys in seiner Hand implantiert hat.

Eurotours in Belgien

Juliane Fischer

Autorin: Juliane Fischer
Medium: diepresse.com
Eurotours-Ziel: 25. bis 29. September 2017 (Belgien)

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