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Wolfgang Streitenberger: "Wir müssen in Europa ein Auseinanderdriften zwischen Reich und Arm, zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten vermeiden"

Wolfgang Streitenberger ist seit 1996, nach einer Karriere im Banken-, Medien- und PR-Bereich in Österreich, EU-Beamter. Als Berater für Regionalpolitik und Stadtentwicklung setzt er sich für die europäischen Regionen ein.

Wolfgang Streitenberger
Wolfgang Streitenberger © Streitenberger (privat)

Lebenslauf:

Dr. Mag. Wolfgang Streitenberger 
Geboren in Wien am 2. Januar 1952

  • 1970 – 1975: Doppelstudium der Politikwissenschaft und Geschichte (Dr. phil., 1975) sowie Volkswirtschaft (Mag. rer. soc. oec., 1974) an der Universität Wien, Studienjahr 1974/75 an der Sorbonne/Paris.
  • 1975/1976: Postgraduate-Studium Europäische Wirtschaft am Collège d’Europe in Brügge/Belgien
  • 1976 - 1980: Wirtschaftsforscher, Volkswirtschaftliches Büro, Creditanstalt – Bankverein
  • 1981 - 1984: TV-Wirtschaftsredakteur, Österreichischer Rundfunk Fernsehen ORF
  • 1984 - 1989: Leiter der Planung (Medienpolitik, Unternehmensplanung), ORF-Generalintendanz
  • 1987 - 1994: Regelmäßig Moderator der einstündigen TV-Diskussionssendung "Nachtstudio"
  • 1990 - 1991: Direktor Öffentlichkeitsarbeit, EXPO Vienna AG, Wien
  • 1991 - 1994: Vorstandsdirektor (speziell für Kommunikation, Marketing, Innovation, Stadtentwicklung), Niederösterreichische Landeshauptstadt Planungsgesellschaft, St.Pölten
  • 1995 - 1996: Selbständiger Unternehmensberater für Medien und Stadtentwicklung

Seit 1996 Beamter der EU-Kommission:

  • 1996 - 2001: Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich, Wien
  • 2001 - 2003: Conseiller/Senior Adviser "Generaldirektion Presse und Kommunikation" (Koordination der Medienarbeit der EU-Vertretungen), EU-Kommission, Brüssel
  • April 2003 - Oktober 2004: Conseiller/Senior Adviser in einer Forschungs-Direktion (E-Government, E-Transport, E-EnvironmentE-Health), Generaldirektion Informationsgesellschaft und Medien, EU-Kommission, Brüssel
  • November 2004 - Februar 2011: Conseiller/Senior Adviser des Generaldirektors (Forschungspolitik und Innovationsförderung im Informations-und Kommunikationstechnologie-Sektor), Generaldirektion Informationsgesellschaft und Medien, EU-Kommission, Brüssel
  • Seit März 2011: Conseiller/Senior Adviser des Generaldirektors, Generaldirektion Regionalpolitik und Stadtentwicklung, EU-Kommission, Brüssel

Lehrtätigkeit: u. a. Doktorandenseminar am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien (1999 - 2008); Europäische Hochschule, Brüssel (2007 - 2011); Universität Antwerpen; Vrije Universiteit Brussel; Universität Tartu/Estland; Universität Viadrina, Frankfurt/Oder, … Seit 2009 regelmäßiger Vortragender an der "International School for Protocol and Diplomacy", Brüssel.

Vortragstätigkeit: pro Jahr derzeit rund 20 größere Vorträge in ganz Europa zu aktuellen Aspekten der neuen Regionalpolitik, Projektförderung, Donauraumstrategie, grenzüberschreitender Zusammenarbeit usw. Zuvor behandelt: breites Themenspektrum der Politik im Bereich Forschung und Entwicklung (F&E), audiovisuellen Politik, Medienpolitik und zu institutionellen Fragen der Europäischen Integration.

Publikationen (Auswahl): Autor der Bücher "Die Geburt Europas", "Europastadt St.Pölten", "Botschafter im eigenen Land"; Herausgeber des Buches "Österreichs Zukunft ist Europa". 1996 - 2001 Herausgeber und teilweise Mitautor von rund 25 Fachpublikationen zu verschiedensten EU-Themen, weiters der Monatszeitschrift "EU-direkt" sowie der Quartalszeitschrift "Die Union".

Sprachkenntnisse: Muttersprache Deutsch; Englisch und Französisch in Wort und Schrift; Italienisch und Niederländisch Lesekenntnisse;

Auszeichnungen: Großes Goldenes Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich

"Zutaten" für eine EU-Karriere: Sprach-, Politik- und Wirtschaftskenntnisse

Für eine "europäische" Karriere benötigt man Sprachkenntnisse und ein überdurchschnittliches Wissen über volkswirtschaftliche und politische Zusammenhänge, auch wenn man weder Wirtschafts- noch Politik-Wissenschafterin, -Wissenschafter ist. Diese Kenntnisse braucht man in jedweder Tätigkeit in der EU. Weitere Eigenschaften sind Kompromissbereitschaft, Toleranz gegenüber anderen Problemlösungen als den eigenen, Geduld mit neu eingetretenen Mitarbeitern aus anderen Mitgliedstaaten, Verhandlungsgeschick und ein offenes, kommunikatives Wesen. Zudem sind überdurchschnittliche Kenntnisse des eigenen Fachgebiets erforderlich. Es schadet auch nicht, praktische Erfahrung außerhalb der Verwaltung, etwa in einem Unternehmen, mitzubringen, um nicht bloß "Bürokrat" zu bleiben/zu sein.

Besuche und Medien halten Kontakt zu Österreich aufrecht

Ich versuche zum einen, die Verbindung zur Heimat so gut wie möglich aufrechtzuerhalten. Deshalb habe ich bewusst meinen österreichischen Wohnsitz behalten und halte das für wesentlich, um nicht den Kontakt zur Heimat zu verlieren. Ich versuche, mindestens 5 Mal im Jahr nach Haus zu kommen, Weihnachten und Ostern daheim in Österreich zu verbringen und mindestens einmal im Jahr einen einwöchigen Urlaub in den Bergen zu machen. Des Weiteren besuche ich – wenn in Österreich – meine alten Freunde, mit denen ich über Telefon oder E-Mail in Kontakt zu bleiben versuche. Besuche bei meinen österreichischen Vereinen/Klubs mache ich, so oft das geht. Hier in sehe ich den ORF und lese fast täglich die Internetausgabe einer österreichischen Tageszeitung.

Zum anderen habe ich versucht, mich auch in Brüssel zu integrieren und ein isoliertes "expatriate"-Schicksal zu vermeiden. Deshalb bin ich beispielsweise Mitglied eines "Rotary Clubs" in Brüssel geworden, wodurch ich relativ rasch guten Eingang in die belgische Gesellschaft gefunden habe und mich nicht mehr als Fremder fühle. Ich fahre viel Fahrrad in der schönen Jahreszeit, überall in Belgien, an den Grachten und Kanälen, auf den ehemaligen Eisenbahnstrecken. Dadurch kenne ich das Land wirklich sehr gut.

Berge, dünnbesiedelte Landschaften, Leberkäs und Grammelschmalz fehlen

Ich vermisse das, was man in Belgien durch nichts ersetzen kann. Das ist eigentlich nicht sehr viel, aber wesentlich: etwa die Berge, dünnbesiedelte Landschaften, unbehindertes, freies Wandern durch Wald und Flur wie in Österreich. Belgien ist 4 Mal so dicht besiedelt, manchmal fällt einem die Decke am Kopf, zum Beispiel, wenn der Verkehr zu dicht und die Menschenmassen im Supermarkt zu groß werden … Ich vermisse natürlich die typisch österreichischen Speisen und Getränke, die ebenfalls durch nichts zu substituieren sind (Leberkäs; Liptauer; Grammelschmalz; Verhackertes; Grüner Veltliner; Mehlspeisen; Gulasch …).

Für viele Kritikpunkte ist die EU gar nicht zuständig

Wenn ich nach Hause komme oder auch am Telefon oder via E-Mail mit Österreich in Kontakt bin, werde ich sehr oft mit Kritik an "der EU" konfrontiert. Ich habe den Eindruck, meine Landsleute schätzen es sehr, sich endlich einmal bei einem "EU-Bürokraten" beschweren zu können. Ärgerlich ist jedoch, dass der überwiegende Teil der Beschwerden die EU sachlich gar nicht betrifft und uns fälschlicherweise zugeordnet wird, also für Taten oder Unterlassungen, die wir nicht begangen oder für die wir gar keine Kompetenz haben– und dies meist als Resultat einer schlampigen, wenn nicht sogar gelegentlich irreführenden Berichterstattung in manchen Medien.

EU-Kritik zeigt auch das Interesse an der EU

Die Skepsis gegenüber der EU erfahre ich in Österreich nicht selten. Ich erlebe immer wieder, dass zum Beispiel andere Gäste bei der Rast auf Berghütten oder die Empfangsdame bei der Hotelrezeption oder der Kellner im Gasthaus oder der Handwerker, der zu mir ins Haus kommt usw., in kürzester Zeit herausfinden, dass man als Auslandsösterreicher in Brüssel lebt und in der EU arbeitet und dann eine Unmenge von Fragen, Beschwerden und Anregungen die EU betreffend bei mir "abladen" – was das große Interesse an der EU und den Informationshunger beweist.

Herausfordernd ist, dass man oft für die gesamten Aktivitäten und Nichtaktivitäten der EU "gerade stehen" muss, wiewohl man selbst ja nur einen gewissen Bereich genauer verfolgen und auf Kritik qualifiziert reagieren kann. Um ein Beispiel zu geben: Keinem Österreicher würde es einfallen, einen österreichischen Finanzbeamten mit etwas ganz anderem als seinem Fachgebiet, etwa mit Problemen im österreichischen Schulwesen, zu konfrontieren oder gar für alle Aktivitäten der gesamten Bundesregierung verantwortlich zu machen und Erklärungen zu erwarten. Gegenüber EU-Beamten verhalten sich so manche meiner Gesprächspartner in Österreich dagegen ganz anders. Hier wird man als Beamter in einem Spezial-Bereich gleich für die gesamte Kommission, manchmal auch die gesamte EU (inklusive Parlament), "verantwortlich" gemacht.

Größte Herausforderung in der EU? Ein Auseinanderdriften vermeiden

Die größten Herausforderungen der EU momentan? Gemeinsame außenpolitische Standpunkte und Aktionen finden, ausreichend Budget erhalten. Es geht auch darum, ein Auseinanderdriften zwischen "Reich" und "Arm" einerseits, EU-integrationsfreundlichen und EU-integrationsskeptischen Mitgliedstaaten anderseits zu verhindern.

Der Arbeitsplatz von Wolfgang Streitenberger

Wolfgang Streitenberger ist Berater (Senior Advisor) des Generaldirektors der Generaldirektion Regionalpolitik und Stadtentwicklung in der EU-Kommission. In dieser Generaldirektion arbeiten circa 700 Fachleute aus der ganzen EU. Ziel und Auftrag der Generaldirektion ist es, die europäischen Regionen enger zusammenzubringen. Menschen in allen Regionen und Städten sollen ihr Potenzial vollständig entfalten können – egal, wo sie leben. Die Expertinnen und Experten arbeiten mit den 28 EU-Mitgliedstaaten, den Regionen und anderen Interessengruppen zusammen, um den Investitionen zu tätigen und die Ergebnisse zu analysieren.

Generaldirektion Regionalpolitik und Stadtentwicklung in der Europäischen Kommission

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